GP: Die Rehacare hat erstmals mehr als 1.500 Menschen mit Behinderung, chronischen Erkrankungen sowie Angehörige zu Hilfsmitteln gefragt. Warum?
Hannes Niemann: Weil die Debatte über Hilfsmittelversorgung häufig sehr stark über Kosten, Verfahren und Zuständigkeiten geführt wird. Uns war wichtig, die Perspektive der Menschen sichtbar zu machen, die täglich auf Hilfsmittel angewiesen sind. Für sie geht es nicht um abstrakte Leistungspositionen, sondern um Mobilität, Selbstständigkeit, Beruf, Familie, gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben. Mit dem Rehacare Report möchten wir eine fundierte Grundlage schaffen, um genau diese Erfahrungen stärker in den Dialog zwischen Community, Versorgungspraxis, Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Politik einzubringen.
Die Studie wird auf der Rehacare veröffentlicht. Können Sie schon einen Einblick in die Ergebnisse geben?
Niemann: Der Report zeigt sehr deutlich, wie zentral Hilfsmittel für den Alltag und die Selbstbestimmung der Menschen sind. Ein großer Teil der Befragten beschreibt Hilfsmittel als Voraussetzung für mehr Eigenständigkeit, Mobilität und Teilhabe. Gleichzeitig wird aber auch sichtbar, dass viele Menschen die Versorgung als belastend erleben, etwa durch bürokratische Prozesse, lange Abstimmungen oder Unsicherheit bei der Bewilligung.
Diese Ergebnisse kommen zu einem wichtigen Zeitpunkt. Mit der aktuellen Diskussion rund um das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, der anstehenden Debatte über weitere Reformen in Pflege und Versorgung sowie dem für Ende 2026 angekündigten zweiten Bericht der Finanzkommission Gesundheit stehen zentrale Weichenstellungen im Gesundheitswesen bevor. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Stabilität, sondern auch um die Frage, wie Versorgung künftig verlässlich, zugänglich und teilhabeorientiert gestaltet werden kann.
Genau hier setzt der Rehacare Report an: Er macht sichtbar, was Hilfsmittelversorgung für die Menschen im Alltag bedeutet und wo aus Sicht der Betroffenen Handlungsbedarf besteht. Der Report zeigt damit beides: Hilfsmittel haben eine enorme positive Wirkung, aber die Wege zur passenden Versorgung sind für viele noch zu kompliziert.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Niemann: Besonders eindrücklich ist, wie klar die Menschen den Nutzen von Hilfsmitteln benennen und zugleich wie stark viele die Versorgung noch als Hürde erleben. Hilfsmittel ermöglichen Selbstständigkeit und Teilhabe, aber der Weg dorthin wird von vielen Betroffenen als anstrengend, langwierig oder schwer durchschaubar beschrieben. Diese Spannung hat uns sehr beschäftigt: Das System kann sehr viel ermöglichen, muss aber aus Sicht der Menschen einfacher, verlässlicher und stärker an individuellen Lebenssituationen ausgerichtet werden.
Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten auf der Rehacare?
Niemann: Ich freue mich besonders darauf, dass auf der Rehacare viele Perspektiven zusammenkommen: Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen, Angehörige, Aussteller, Verbände, Wissenschaft, Politik und die Community. Genau dort entsteht der Dialog, den wir brauchen. Die Messe zeigt nicht nur Produkte und Innovationen, sondern macht konkret erlebbar, was Selbstbestimmung im Alltag bedeutet und welche Lösungen Teilhabe wirklich stärken können. Besonders spannend wird für mich die Vorstellung des Rehacare Reports, weil wir damit die Erfahrungen der Betroffenen sichtbar in die öffentliche Debatte einbringen.