Erschütternde Bilder waren auf dem Symposium "Versorgung Amputierter aus Perspektive der US-Militärs und im System des US-Veteranenministeriums" zu sehen: Junge Männer und Frauen mit abgerissenen Gliedmaßen und anderen schweren Verletzungen. Allerdings war der Referent Prof. Rory A. Cooper zurückhaltend mit Fotos vom Augenblick nach der grausamen Explosion. Die meisten Abbildungen zeigten die jungen Leute während und nach der orthopädie-technischen Versorgung. Der Vortrag widmete sich den Abläufen und dem hohen Niveau der medizinischen, technischen und psychologischen Betreuung.
Der Experte, selbst US-Army-Veteran mit einer Verletzung des Rückenmarks, ist Professor an der University of Pittsburgh, School of Health and Rehabilitation Sciences und Direktor der Human Engineering Research Laboratories. Er beschrieb die Maßnahmen nach einer schweren Verwundung im Kriegsgebiet. Die beginnen mit dem sofortigen Einsatz von medizinischem Personal direkt im Gefecht, reichen über den Hubschrauberflug zum Krankenhaus vor Ort und eine Operation innerhalb der ersten Stunde bis zum Weiterflug nach zwei bis fünf Tagen mit dem Krankenflugzeug in ein US-Army-Krankenhaus. Das mit rund 3.300 Mitarbeitern größte Lazarett der US-Army außerhalb der Vereinigten Staaten ist das Landstuhl Regional Medical Center (LRMC) in Rheinland-Pfalz. Von solch einem Medical Center aus werden die Betroffenen dann in die USA zurückgeflogen. Dort werden sie in Washington oder Texas zusammengefasst. Derzeit werden in den USA rund 2.000 Menschen mit kriegsbedingten Amputationen betreut, davon 100 vielfach Amputierte.
Immer mehr überleben die Verwundung
Dass immer mehr Soldaten eine Verwundung überleben, liege unter anderem an der effektiveren Versorgung vor Ort, an der Technik der Chirurgie und an den neuen Möglichkeiten der Antibiotik, die unter anderem eine bessere Sofortversorgung der verschmutzten Wunde ermöglichen. "Andererseits sind diese Überlebenden eine immer größere Herausforderungen für uns", so Cooper. "Die Verwundungen sind sehr komplex. Oftmals müssen mehrere Gliedmaßen amputiert werden und nicht selten ist auch das Gehirn betroffen. Hinzu kommen Brandwunden, Gesichtstraumata, Querschnittslähmungen sowie chronische Schmerzen."
Besonders ausführlich erläuterte der Experte die psychosozialen Aspekte der Betreuung von Verwundeten, also von jungen Leuten, die in Sekunden vom Athleten zum Behinderten geworden sind. "Wir reden mit ihnen sofort wieder über die Arbeit und das Verbleiben in der Army. Wir ermöglichen die Verbindung zur Einheit und fliegen sogar Besucher aus dem Kriegsgebiet ins Krankenhaus. Wir ermöglichen es, dass im Krankenhaus Facebook-Kontakte zur Einheit gepflegt werden. Und natürlich sind auch die Verwundeten bei der Rückkehrfeier ihrer Einheit dabei." Dennoch sei man sich dessen bewusst, dass sieben Jahre nach dem letzten Kriegseinsatz die Gefahr der post-traumatischen Depression am größten sei. "Wir erwarten derzeit eine große Welle solcher Depressionen", so Cooper. "Bisher hat die sich durch immer neue Einsätze lediglich vor uns hergeschoben. Aber dann werden 10 bis 25 Prozent der Soldaten irgendwo in psychische Behandlung müssen."
US-Veteranen: Überarbeitung der Strukturen
Um das System der Betreuung effektiv zu gestalten, erläuterte Cooper, war eine gründliche Überarbeitung der Strukturen und Gesetze notwendig. So mussten die Regeln der US-Army und die anderer Streitkräfte, beispielsweise der Nationalgarde, angeglichen werden. Es musste geregelt werden, wann und inwieweit die Soldaten noch Angehöriger der Armee sein können und wohin sie nach einer Pensionierung entlassen werden. Es wurde untersucht, wie soziale Netzwerke der Soldaten eingebunden werden könnten. Durfte beispielsweise früher nur die herkömmliche Familie ans Krankenbett, dürfen das inzwischen auch andere nahestehende Menschen, wie gleichgeschlechtliche Lebenspartner. Als eine Form der Unterstützung ist der Non-medical-Assistent geschaffen wurden, der von der Regierung eingestellt ist.
Der folgende Teil des Vortrages von Cooper widmete sich medizinischen und technischen Fragen der Versorgung von Amputierten. Er beschrieb die besonderen Komplikationen, die aus den Umständen der Amputation entstehen. So verbleiben oft trotz größter chirurgischer Bemühungen winzige Staubkörner im Gewebe. Um diese herum entwickelt sich in der Muskulatur unkoordiniertes Knochenwachstum, was mitunter eine Vielzahl von weiteren Operationen notwendig macht. Die Anpassung von Prothesen sei dadurch extrem kompliziert. Durch die häufig großflächigen Brandverletzungen steige zudem die Gefahr von Druckwunden. "Die hohen Erwartungen der meist jungen Männer zu erfüllen, ist eine große Aufgabe", so Cooper.
Außergewöhnliche Anforderungen an Prothesen
Bis zu sieben verschiedene Prothesen für die unteren Extremitäten und drei Armprothesen werden pro Soldat zur Verfügung gestellt. Und dennoch sei bislang nicht jedes Problem zu lösen. So könnten fußamputierte Soldaten oftmals im Dienst bleiben. Allerdings ist deren Fußprothese nicht darauf eingestellt, zusätzlich zum Körpergewicht, auf das sie angepasst ist, noch 40 Kilogramm Ausrüstung zu tragen und dann genauso zu funktionieren. Also wird nach Lösungen gesucht, diese extreme plötzliche Gewichtsveränderung durch gewichtsadaptierte Prothesenfüße abzufedern.
In der nachfolgenden Fragerunde ging es um weitere aktuellen Forschungsthemen. Cooper sprach unter anderem über einen kompletten Schutz vor Salzwasser und Staub. Weil der noch nicht perfekt sei, käme beispielsweise das C-Leg bislang nicht zum Kriegs-Einsatz. Ausführlich wandte sich Cooper den Warrior Games, einer Art Paralympics für behinderte Soldaten, und anderen Formen des Sports zu. In dieser Atmosphäre entwickeln die Soldaten nicht selten Ideen für Forschungsthemen und testen Prototypen von Neuentwicklungen, beispielsweise Rollstühle, mit denen sie auch offroad fahren können. Außerdem stellte Cooper das Wounded Warrior Home Project vor, durch das gehandicapte Soldaten und ihre Familien behindertengerecht wohnen können. Diese Häuser sind übrigens auch bei Soldaten mit behinderten Kindern oder pflegebedürftigen Eltern sehr gefragt, weshalb sie künftig noch häufiger – geplant sich 1.000 weitere – gebaut werden sollen.
Auf die Frage aus dem Publikum, inwieweit die Versorgung der Amputierten Soldaten in der darstellten Komplexität flächendeckend garantiert sein, sagte Cooper: "Für den Soldaten ist es empfehlenswert, in der Militärversorgung zu bleiben, da die Versorgung über die Kommunen oder private Einrichtungen nicht immer ein vergleichbares Niveau hat. Außerdem ist es für die zumeist jungen Männer besser, die Reha in Gruppen Gleichgesinnter zu erleben."
Als Schlussgedanken warf Rory A. Cooper einen Blick auf den – hoffentlich – kleinen Markt der Versorgung von Kriegsamputierten: "Unser Ziel sollte es sein, dass die Betroffenen alles tun können, was andere auch tun, am gleichen Ort und in der gleichen Zeit. Ich hoffe, dass die Industrie uns zur Seite steht und mit uns gemeinsam forscht, sonst bleibt die Idee im Labor. Und ich hoffe, dass die notwendige Individualisierung der modernen Technologie bezahlbar bleibt."