Wie lautet Ihr Fazit des Jahres 2023?
Claudio Minder: Die beiden Firmen Kybun und Joya haben fusioniert. 2023 stand ganz im Zeichen des gemeinsamen Fundaments für beide Marken. Wir haben ein positives Jahresergebnis erzielt, Doppelspurigkeiten beseitigt und intern vieles vorangetrieben. Step by Step wird man die Ergebnisse sehen können, zum Beispiel in der neuen B2B-Plattform für alle Marken unseres Unternehmens.
Wo lagen bei Ihrer Konsolidierung die größten Herausforderungen?
Minder: Die Teams wurden unter einem Dach zusammengeführt. Dabei kam zutage, dass teilweise unterschiedliche Prozesse und Tools genutzt wurden. Hinzu kamen kulturelle Unterschiede. Jede Marke hat ihre Vorteile und vielleicht auch ihre Schwachpunkte. Wenn man beide zusammennimmt, muss man schauen, was wo angeglichen werden soll. Nehmen wir das Beispiel Reklamationen: Diese können wir nicht mal so, mal so abwickeln. Wir mussten viele strategische Entscheidungen treffen und Details angehen.
Wie unterscheiden sich Kybun und Joya?
Minder: Ich würde sagen, kulturell haben wir uns gegenseitig inspiriert. In der Materialbeschaffung verfügt Joya über ein sehr starkes Lieferantennetzwerk im Hinblick auf innovative Schaumstoffe und technische Materialien. Davon darf jetzt Kybun profitieren. Kybun ist im Bereich vom medizinischen Fachwissen und in der Kundenberatung sehr stark. Das hilft jetzt Joya. Die Zusammenführung wird zu besseren, langlebigeren Produkten und einer verbesserten Beratung führen. Das wird dem Handel und unseren Kunden helfen.
Welche Unterschiede gibt es bei den Schuhen?
Karl Müller: Mein Vater hat im Jahr 1996 MBT gegründet und das Denken der Schuhindustrie revolutioniert. Unsere Philosophie, durch Instabilität der Sohle die Muskulatur zu trainieren, ist unverändert. Dieses Konzept steckt in den Schuhen beider Marken. Kybun macht Schuhe, die Menschen von Schmerzen beim Gehen befreien. Mit Joya wollen wir gesundheitsbewusste Menschen ansprechen. Wenn Sie so wollen, ist Joya wie das tägliche Zähneputzen und Kybun die Wurzelbehandlung.
Barfußschuhhersteller propagieren eine möglichst dünne, nicht dämpfende Sohle, damit der Fuß auf den Untergrund optimal reagieren kann. Dem steht Ihr Konzept der weichen Sohle entgegen.
Müller: Wir setzen auf weiche Sohlen, die federn wie ein Trampolin, denn das trainiert die Muskulatur. Das haben wir durch mehrere Studien bewiesen. Für trainierte Barfußgänger oder auf weichen Naturböden ergeben Barfußschuhe viel Sinn. In den asphaltierten Städten verursacht jeder Schritt einen Schlag auf die Gelenke. Unsere elastisch-federnden Sohlen wirken dem harten Untergrund entgegen.
Welche Rolle spielt für Sie D2C?
Müller: Wir generieren 10% unseres Umsatzes mit unserem eigenen Onlineshop. Wir würden uns mehr wünschen, haben aber ein beratungsintensives Produkt. Weil unsere Kunden sehr loyal sind, gehen sie gerne zum Fachhändler. Wir haben ein schmales Sortiment an Produkten mit einem langen Lebenszyklus. So hat der Händler den Großteil der Kollektion immer vor Ort. Wir freuen uns über den großen Zuspruch, den unsere Händler erfahren. Beim Thema Passform und Laufgefühl hat Online noch keine Lösung. Es ist also wichtig, dass unsere Kunden die Wirkung unserer Schuhe testen können. Wir bieten als einziger Schuhhersteller Probierschuhe an, die man für 25 Euro zwei Wochen lang mieten kann.
Minder: Die 25 Euro werden beim Kauf eines neuen Paares Schuhe verrechnet. Wir machen die Erfahrung, dass viele Kunden nach dem Testen tatsächlich ein Paar Schuhe kaufen – einfach, weil sie vom Produkt überzeugt sind.
Welche Bedeutung hat Ihr eigener Retail?
Müller: Wir haben 2020 angefangen, eigene Kybun Joya-Shops zu eröffnen, um dem Fachhandelssterben entgegenzuwirken und unsere Marke sichtbar zu machen. In unseren eigenen Geschäften optimieren wir das Einkaufserlebnis. Wir sind noch in einer Lernphase, und unsere Shops sind noch nicht alle profitabel. Das liegt auch daran, dass wir an Top-Standorten eröffnen, als Markenwerbung. Als Ergänzung zum Fachhändler haben unsere eigenen Stores eine bedeutende Wichtigkeit. Ihre Schuhe bewegen sich um die 300 Euro.
Spüren Sie eine zunehmende Sensibilität bei diesen Preislagen?
Minder: Nicht direkt. Es gibt Händler, die sagen: Über die Eckpreislage komme ich einfach nicht hinaus. Das ist uns bewusst. Das zwingt uns aber auch, uns bei unserem Angebot nicht allein auf das Produkt Schuh zu konzentrieren und eine exzellente Beratungsdienstleistung anzubieten. Wir bieten Schuhe, die bei gesundheitlichen Herausforderungen helfen können. Über diesen Ansatz können wir gewisse Preislagen abrufen. Denn es gibt eine Berechtigung dafür, dass unsere Produkte etwas teurer sind. Der übliche Ansatz – ich ziehe den Schuh an, er sieht schön aus und passt, ich nehme ihn – funktioniert bei unseren Produkten nicht. Dass unser Ansatz erfolgreich ist, sehen wir in Ungarn: Das Land ist ein guter Markt für Joya. Dort werden unsere Schuhe zum Preis um die 250 Euro verkauft – obwohl die Menschen dort deutlich weniger verdienen als etwa in Deutschland. Das geht, weil wir einen Gesundheitsansatz verfolgen. Klassische Schuhe gibt es immer günstiger um die Ecke. Wenn das ein Händler versteht und sich damit abgrenzt, dann wird es einfacher für ihn. Er muss nicht mehr zehn Paar günstige Schuhe verkaufen – es reichen drei teurere.
Welche Rolle spielen Sanitätshäuser neben dem Schuhhandel?
Müller: Wir arbeiten zunehmend erfolgreich mit Sanitätshäusern zusammen. Diese Art von Geschäften machen derzeit einen aktiven Wandel durch. Viele von ihnen führen inzwischen innovative und attraktive Produkte. Fachgeschäfte, welche auf empathische Beratung setzen, sind im Zeitgeist. Der Schuhfachhandel hat diesbezüglich Nachholbedarf.