GP: Ergibt es Sinn, Versorgungspartner wie Ärzte, Therapeuten oder Patientenvertretungen einzubinden?
Fischoeder: Ja, das ist total sinnvoll. Wir setzen regelmäßig auf solche Allianzen. Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit einem Politiker, der privatem Unternehmertum im Gesundheitsbereich kritisch gegenübersteht. Wenn Sie dann gemeinsam mit einer medizinischen Fachgesellschaft oder einer Selbsthilfegruppe auftreten, die ebenfalls sagt: „Wenn wir diese Versorgung vor Ort nicht haben, ist das schlimm“, dann haben Sie eine starke Unterstützung für Ihr Anliegen, die ideologiefrei ist.
GP: Wann stärkt ein solches Bündnis die Position und wann wird die Botschaft unscharf?
Fischoeder: Ein Bündnis hat auch Limitierungen. Man muss sich vorher im Klaren sein und gemeinsam diskutieren: Was sind unsere gemeinsamen Ansätze und wo endet die Gemeinsamkeit? Man kann dann auch der Politik gegenüber offen sagen: „In diesem Bereich sind wir einer Meinung. Alles, was darüber hinausgeht, sind Einzelinteressen.“ Man braucht dafür eine klare Vereinbarung, damit im Gespräch nicht plötzlich jemand aus den eigenen Reihen ausschert und sagt: „Nee, das sehe ich aber ganz anders.“ So etwas vorzubereiten braucht Vertrauen und Zeit.
GP: Wie wichtig ist die Abstimmung mit den Verbänden, bevor man selbst aktiv wird? Und wo liegt die Balance?
Fischoeder: Die Verbandsarbeit ist sehr wichtig und in den allermeisten Fällen klappt sie auch sehr gut. Trotzdem ist es manchmal nötig, als einzelnes Unternehmen aktiv zu werden, weil die eigene, sehr spezifische Perspektive im großen Konsens eines Verbandes untergehen kann. Die richtige Balance liegt darin, dass das einzelne Sanitätshaus als konkretes, lokales Beispiel für die abstrakten Strukturprobleme dient, die der Verband auf übergeordneter Ebene adressiert.
GP: Welche typischen Fehler machen Unternehmer im Kontakt mit Politikern?
Fischoeder: Ein Fehler ist das „Fingerpointing“ – also mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auch polemisch vorgetragene Forderungen kommen nicht gut an. Ein weiterer großer Fehler ist, was ich „palliative Mandate“ nenne: das Argument „Wenn das Gesetz kommt, dann machen wir hier alle dicht.“ Das hat die Tabakindustrie erzählt, die Pharmaindustrie, die Autoindustrie. Es stimmt nie, und die Politik hat das gelernt. Dieses Argument funktioniert nicht mehr. Schließlich ist es ein Fehler, einen Monolog zu halten, anstatt ein echtes Gespräch zu führen.
GP: Was „nervt“ Politiker bei der Kommunikation besonders?
Fischoeder: Ich würde das umdrehen: Politiker sind nicht genervt, sondern sie sind auf das Gespräch und auf Informationen angewiesen. Was sie aber schnell herausfiltern, ist eine unsachliche, polemische Ansprache. Sie wollen keine Referate hören, sondern in einen Austausch kommen.
GP: Welche Erwartungen an die Politik sind legitim und welche unrealistisch?
Fischoeder: Viele Unternehmer sind der Meinung: „Politik muss doch zuhören und tun, was ich brauche, ich halte hier doch den Laden am Laufen.“ Politik sieht sich in einer anderen Rolle, sie muss immer verschiedene Interessen ausgleichen. Eine unrealistische Forderung ist zum Beispiel bei Sparmaßnahmen zu sagen: „Nicht bei uns, nehmt es bitte von den anderen.“ Legitim ist die Erwartung, dass man gehört wird und die eigene Perspektive in den Interessenausgleich einfließt.
GP: Wie sollte man reagieren, wenn ein Politiker keine Lösung zusagen kann?
Fischoeder: Das ist der Normalfall. Politiker legen sich nur ganz selten auf eine verbindliche Zusage fest. Das wäre auch ein falsches Versprechen, weil sie intern ja auch noch Abstimmungsprozesse haben. Man sollte ruhig und entspannt bleiben. Ein positives Gespräch, bei dem man wahrgenommen wurde, ist bereits ein guter Erfolg. Der wichtigste Punkt ist, eine Beziehung aufzubauen. Vielleicht liegt übermorgen etwas auf dem Tisch des Politikers, wo er sich an Sie erinnert und sagt: „Ah, da brauche ich mal eine Info aus der Region.“
GP: Muss politische Kommunikation also langfristig angelegt sein?
Fischoeder: Unbedingt. Der Aufbau einer Beziehung ist das erste und wichtigste Ziel. Es geht darum, sich als verlässlicher, sachlicher Ansprechpartner zu etablieren. Man sollte sich nicht von dem überraschen lassen, was kommt, sondern antizipieren und kluge, konstruktive Antworten formulieren, mit denen man die Zukunft aktiv mitgestaltet. Es geht darum, sich jetzt auf die nächste Strukturdiskussion vorzubereiten, die vielleicht im Herbst losgeht.
GP: Woran erkennt man, ob ein Gespräch erfolgreich war, auch wenn nicht sofort eine Gesetzesänderung folgt?
Fischoeder: Erfolg bemisst sich in sehr kleinen Maßeinheiten. Der erste Erfolg ist: Ich habe eine Beziehung aufgebaut. Der zweite ist: Mein Anliegen wird wahrgenommen. Das merke ich an den Rückfragen. Wenn ich als Antwort bekomme: „Danke für den Input, wir nehmen das mit“, ist das schon ein Erfolg. Ein riesiger Erfolg, der aber selten ist, wäre eine kleine Änderung in einem Gesetzestext – zum Beispiel, wenn aus einer „nötigen Versorgung“ eine „notwendige Versorgung“ wird. Das sind nur ein paar Buchstaben, aber ein gewaltiger Unterschied.
GP: Wenn Sie Sanitätsfachhändlern nur drei Regeln für den Austausch mit Politikern mitgeben dürften: Welche wären das?
Fischoeder: Erstens: Versetzen Sie sich in Ihr Gegenüber. Antizipieren Sie, was die andere Seite beschäftigt. Ihr Gegenüber ist niemals ein Gegner, sondern immer ein Gesprächspartner. Zweitens: Werden Sie konkret. Nutzen Sie die Formel aus einer klaren Kernaussage, einer belegenden Zahl und einer persönlichen Anekdote. Drittens: Sorgen Sie für einen Dialog. Lassen Sie die andere Seite zu Wort kommen, stellen Sie Rückfragen und hören Sie zu. Es geht um Austausch, nicht um ein Referat.