Vor dem Hintergrund einer Welt im Krisenmodus und vor allem des Krieges in der Ukraine wurde vom 10. bis 13. Mai auf der OTWorld in Leipzig über die globale Verantwortung für eine qualitätsgesicherte Versorgung mit Hilfsmitteln, den Wert der Gesundheit in Zeiten verschärfter Finanzierungsdebatten sowie die Chancen der Digitalisierung für die Behandlung von Menschen mit Behinderungen und Mobilitätseinschränkungen debattiert. Auf Einladung des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik (BIV-OT) und des Leistungserbringer-Bündnisses „Wir versorgen Deutschland“ (WvD) kamen in acht Talkrunden Fachleute aus Politik, Wissenschaft, Medizin, Krankenkassen, Sozial- und Branchenverbänden zu Wort.
Alf Reuter, BIV-OT-Präsident und WvD-Vorstandsmitglied, bilanziert: „Die Fachleute, die auf dem Podium des Branchenpolitischen Forums zusammengetroffen sind, waren sich einig: Im interdisziplinären, interprofessionellen und internationalen Team, mit Mut zur Vernetzung und zur Digitalisierung, können wir die Möglichkeiten unseres wunderbaren Handwerks an der Schnittstelle von Mensch und Technik noch viel intensiver und globaler ausschöpfen.“
Werte- statt Preisdiskussion
Die Teilnehmenden legten den Finger in die wunden Stellen der Gesundheitspolitik. „Wir geben derzeit mehr Geld aus, als wir einnehmen“, erläuterte Rainer Sbrzesny, Referent im Arbeitsstab der Patientenbeauftragten der Bundesregierung, der aus Berlin zum Podium „Qualitätsgesicherte und fachgerechte Hilfsmittelversorgung in Deutschland: Wer steht in der Verantwortung?“ zugeschaltet war. Deshalb müsse sich die Versorgung von der Mengen- hin zur Patientenzentrierung bewegen. Es gebe viele Stellen, wo die Patientensicht eine Rolle spielen könnte. Zudem sei das Gesundheitssystem sehr intransparent. Ziel müsse sein, „unnötige Suchbewegungen“ zu verringern, so Sbrzesny. „Wir brauchen eine value based medicine“, forderte Prof. Dr. Joachim Kugler, Professor für Gesundheitswissenschaften/Public Health an der Technischen Universität (TU) Dresden. Statt über Werte zu sprechen wie den Zusatznutzen, den die Versorgungen jeweils für die Patientinnen und Patienten bringen, werde nur über Preise diskutiert. Er kritisierte ein in Einzelabrechnungen aufgesplittertes Versorgungssystem, das selten fragt, wie es den Patienten eigentlich geht und welcher Wert an Gesundheit bzw. Zufriedenheit mithilfe des ausgegebenen Geldes eigentlich geschaffen wurde.
Mehr Digitalisierung wagen
Um Wunsch und Wirklichkeit bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen ging es gleich in mehreren Debatten. „Die digitale Wirklichkeit ist bitter“, konstatierte Prof. Dr. Wolfram Mittelmeier, 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für interprofessionelle Hilfsmittelversorgung (DGIHV) und Klinikdirektor der orthopädischen Klinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Rostock, in der Podiumsrunde „Mit Verantwortung die Zukunft gestalten: Warum tut sich Deutschland mit dem eRezept und der elektronischen Patientenakte so schwer?“ Es fehle an der Digitalisierung in der Fläche – und es seien einfache Lösungen gefragt. „Das deutsche Gesundheitswesen ist kein simples Gesundheitswesen“, stellte der aus Berlin zugeschaltete Volker Mielke, Chief Transformation Officer der Gematik, fest. Aber er sei optimistisch, auch im Hinblick auf die im Koalitionsvertrag gesetzten Schwerpunkte. Er rechne damit, dass man im Sommer die Zielmarke von 30.000 abgerechneten eRezepten erreichen werde und dann in den weiteren Roll-out starten könne.
Prävention verhindert Leid
Prävention sei nicht nur Sache der Ärzte, „Prävention braucht alle in den Gesundheitsberufen“, betonte Dr. Alexander Risse, ehemaliger Leiter des Diabeteszentrums am Klinikum Dortmund und Mitglied der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), im Forum „Zwischen Homeoffice, Selbstoptimierung und demografischem Wandel: Gesundheit selbst verantworten?“ Die jährlich 40.000 Amputationen wegen des Diabetischen Fußsyndroms seien unnötig, so der Experte. Viel zu langsam werde reagiert. Dabei müsse gesundheitliche Aufklärung nicht dröge sein. Und Hilfsmittel müssen nicht langweilig aussehen – Stichwort und Credo für Lipödem-Model, Unternehmerin, Autorin und Bloggerin Caroline Sprott, die für mehr Empathie bei der Behandlung von Lipödem-Patientinnen plädierte: „Wenn man nicht ernst genommen wird, stellt man sich selbst infrage – und das ist nicht fair.“ Sie sprach darüber, wie sie sich durch Mode selbst therapiert habe, um ihre Erkrankung annehmen zu können: „Ich musste kreativ werden aus Überlebenswillen.“
Mehr Mut!
„Vielleicht sollten wir in Deutschland mal dem Zweifel seine Attraktivität nehmen“, sagte Univ. Prof. Dr. Thomas Druyen in der Diskussionsrunde unter dem Titel „Verantwortung übernehmen: Wie steht es um die digitale Versorgung und unser Mindset eHealth?“ Für den Direktor der Sigmund Freud Privat Universität, Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement, war die OTWorld ein Zukunftsort mit „mutigen Leuten“ und „Visionären“. Zum Thema Digitalisierung erklärte Kongresspräsident Dipl.-Ing. Merkur Alimusaj, Leiter der Technischen Orthopädie an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg: „Das Erste, was wir tun müssen, ist die Angst aus dem System rauszunehmen.“ Digitalisierung beginne mit der Ausbildung. Dabei dürfe das Wissen der „Alten“ nicht vergessen werden. „Wir werden es brauchen. Es gibt zurzeit keinen Algorithmus weltweit, der das individuelle Anpassen übernehmen kann. Das ist Grips, das ist Orthopädie-Technik.“
„Wir schaffen jeden Tag Sinn, ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen“, so BIV-OT-Präsident Alf Reuter in der Podiumsrunde „Wem traut man im Gesundheitswesen Verantwortung zu? Über die Bedeutung der Gesundheitsfachberufe“ am letzten Tag der Veranstaltung. In der Öffentlichkeit werde die verantwortungsvolle Arbeit in der Orthopädie-Technik jedoch zu wenig wahrgenommen. „Deshalb müssen wir lauter werden, unser Handwerk bekannter machen.“