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3. Betriebsbefragung des BIV-OT

Hilfsmittelversorgung normalisiert sich weiter

Hilfsmittelversorgung normalisiert sich weiter Der neue BIV-OT Vorstand (v.l.): Joachim Glotz, Bodo Schrödel, Andreas Rulitschka, Lars Grun, Alf Reuter, Thomas Münch, Albin Mayer, Lars Jäger und Matthias Bauche. (Foto: BIV-OT)

Der BIV-OT hat die Ergebnisse seiner dritten Betriebsbefragung zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Hilfsmittelversorgung veröffentlicht.

Sanitätshäuser und orthopädie-technische Betriebe sind in der „neuen Normalität“ angekommen. Auch wenn das Virus SARS-CoV-2 das öffentliche Leben sowie das Gesundheitswesen nach wie vor beeinflusst, haben die Häuser ihre Arbeitsfähigkeit in allen Versorgungsbereichen überwiegend wiederhergestellt. Allerdings wirken die Auftrags- und Umsatzeinbrüche der letzten Monate fortlaufend nach. Das zeigt die dritte Mitgliederbefragung des Bundesinnungsverbands für Orthopädie-Technik (BIV-OT) zu den „Corona-Auswirkungen 2020“. Sie wurde zwischen dem 2. und 19. Juni 2020 durchgeführt. 371 Mitgliedsbetriebe des BIV-OT beteiligten sich bundesweit, teilt der Verband mit (1. Befragung/April: 599 Betriebe, 2. Befragung/Mai: 357).

Die Lieferfähigkeit in etlichen Produktgruppen (PG) hat sich im Vergleich zu den vorherigen Befragungen weiter verbessert. Jedoch zeigen sich immer noch Engpässe, fortgesetzt zum Beispiel bei Pflegehilfsmitteln (PG 50, 51, 54), Inhalations- und Atemtherapiegeräten (PG 14) sowie Krankenpflegeartikeln (PG 19). Hinsichtlich der Verfügbarkeit persönlicher Schutzausrüstung (PSA) hat sich die Lage weitgehend entspannt – trotzdem der Bedarf nicht vollständig gedeckt ist.
„Die Corona-Krise ist nicht gebannt. Immer noch erweist sich die Lieferfähigkeit in manchen Produktgruppen als eingeschränkt. Auch wenn die befragten Unternehmen bezüglich der künftigen Entwicklung ihrer Auftragslage und der Umsätze inzwischen etwas optimistischer in die Zukunft blicken – die ‚neue Normalität’ ist nicht die alte“, unterstreicht BIV-OT-Präsident Alf Reuter.

Verluste „vermutlich nicht aufholbar“

„Vermutlich nicht aufholbar sind die Verluste der letzten Monate, als Krankenhäuser planbare Operationen zugunsten der Intensivmedizin flächendeckend heruntergefahren haben, Arztpraxen teils geschlossen und etliche Patienten aus Angst vor Infektionen Behandlungen verschoben haben“, so Reuter. Die wirtschaftlichen Folgen legte die aktuelle Befragung erneut offen: Zum dritten Mal in Folge gab die Mehrzahl der Befragten an, dass sowohl Umsatz- als auch Auftragslage gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres eingebrochen eingebrochen sei. Bei 83 Prozent habe der Umsatz im Mai 2020 im Vergleich zum Mai 2019 abgenommen bzw. stark abgenommen (2. Befragung/Vergleich April: 92,2%; 1. Befragung/Vergleich März: 82%). Für die Auftragslage sagten dies in der aktuellen Befragung 78,2 Prozent (2. Befragung/Vergleich April: 90,3%; 1. Befragung/Vergleich März: 88,8%).

Jedoch hellte sich der Blick in die Zukunft – auf den jeweiligen Folgemonat – von Befragung zu Befragung etwas auf: So erwarten 21,9 Prozent der befragten Betriebe im Juli 2020 einen zunehmenden oder stark zunehmenden Umsatz (2. Befragung/Bezug Juni: 14,6%; 1. Befragung/Bezug Mai: 3,4%). Allerdings sahen demgegenüber 46,5 Prozent eine Abnahme oder starke Abnahme voraus (2. Befragung: 68%; 1. Befragung: 92,9%). Bei der Auftragslage rechneten 26,5 Prozent mit einer Zunahme/starken Zunahme (2. Befragung/Bezug Juni: 18,1%; 1. Befragung/Bezug Mai: 4%) und 42,7 Prozent mit einer Abnahme/starken Abnahme (2. Befragung: 64,7%; 1. Befragung: 90,7%). „Es werden also nach wie vor sehr hohe Einbußen erwartet, die letztlich die Existenz von Betrieben und damit die flächendeckende Hilfsmittelversorgung gefährden können“, so Reuter.

Auf zweite Welle vorbereitet sein

Zudem stehe die Gefahr einer erneuten Infektionswelle immer im Raum, konstatiert Reuter. „Darauf müssen wir vorbereitet sein, um die Versorgung der Bevölkerung mit Hilfsmitteln zu sichern.“ Deshalb gelte es, persönliche Schutzausrüstung (PSA) in entsprechender Zahl zu beschaffen und die Lager aufzustocken. Dabei sieht der BIV-OT-Präsident die Bundes- und Landespolitik in der Pflicht: „Die Preise für Produkte wie professionelle FFP2/3-Schutzmasken sind nach oben geschnellt, teils waren sie auf dem Markt gar nicht zu bekommen. Da bei jeder Versorgung PSA getragen werden muss, belastet dies die Betriebe enorm. Es ist für uns unverständlich, dass nahezu alle anderen Leistungserbringer – wie zum Beispiel Ärzte und Physiotherapeuten und zuletzt sogar die Bauindustrie – hierfür einen Ausgleich erhalten, wir aber nicht. Die Krankenkassen sind hier klar in der Pflicht. PSA gehört zur Versorgung dazu, Patientinnen und Patienten müssen darauf vertrauen können, dass Krankenkassen sich dieser Verantwortung nicht entziehen.“

Im Großen und Ganzen habe sich die Situation im Hinblick auf PSA aber im Vergleich zum Beginn der Pandemie entspannt, sagt Reuter. Dazu hätten nicht zuletzt Projekte wie „Wir nähen für Deutschland“ beigetragen, wobei der BIV-OT gemeinsam mit Unternehmen die Herstellung zertifizierter Schutzausrüstung angestoßen habe. Trotzdem wurde ein Mangel an Einweghandschuhen in der aktuellen Befragung von 34,77 Prozent der teilnehmenden Betriebe als ein Grund benannt, der „aktuell oder innerhalb der nächsten Woche“ zu Einschränkungen ihrer Lieferfähigkeit führt. Damit stand dieses Problem im „Ranking“ fehlender PSA derzeit an erster Stelle (2. Befragung: 38,94%; 1. Befragung: 54,1%) – gefolgt von fehlendem Desinfektionsmittel (31,54%; 2. Befragung: 45,1%; 1. Befragung: 71,3%) und FFP2/3-Mundschutz (19,95%; 2. Befragung: 38,94%; 1. Befragung: 82,3%).

Wieder arbeitsfähig

Die Arbeitsfähigkeit in allen Versorgungsbereichen hat sich wesentlich verbessert. „Sie ist demnach zu einem hohen Prozentsatz nahezu wiederhergestellt – auch wenn es überall und speziell im Bereich der Versorgung mit Medizintechnik noch Nachholbedarf gibt“, erklärt Alf Reuter.

In den verschiedenen Versorgungssegmenten lag der Anteil der befragten Unternehmen, die sich als „eher bzw. voll arbeitsfähig“ einschätzten: Sanitätshaus 82,6 Prozent (2. Befragung: 63,5%; 1. Befragung: 42,5%); Orthopädie-Technik 79,6 Prozent (2. Befragung: 62,1%; 1. Befragung: 48,5%); Orthopädie-Schuhtechnik 70,9 Prozent (2. Befragung: 45,6%; 1. Befragung: 44,2%); Reha 79 Prozent (2. Befragung: 64,9%; 1. Befragung: 53,1%); Home Care 80,7 Prozent (2. Befragung: 64,1%; 1. Befragung: 47,6%) und Medizintechnik 62,2 Prozent (2. Befragung: 54%; 1. Befragung: 42,2%).

Die Lieferfähigkeit in etlichen Produktgruppen hat sich weiter verbessert. „Die Engpässe aufgrund fehlender Handelsware oder Materialien zur Produktion sind dennoch vorhanden“, kritisiert Alf Reuter. So ergeben sich Lücken vor allem bei zum Verbrauch bestimmten Pflegehilfsmitteln (PG 54), bei Pflegehilfsmitteln zur Körperpflege/Hygiene und zur Linderung von Beschwerden (PG 51) sowie zur Erleichterung der Pflege (PG 50), bei Inhalations- und Atemtherapiegeräten (PG 14) sowie Krankenpflegeartikeln (PG 19).

„Die alles in allem etwas verbesserte Lage offenbart sich genauso in den Angaben der befragten Betriebe zu geplanten Maßnahmen im Hinblick auf die Beschäftigten wie Urlaub für Teile der Belegschaft, Kurzarbeit oder gar Kündigungen. Derartige Schritte erwägt ein weitaus geringerer Prozentsatz als in den vorigen Umfragen – und sie stellen für die Unternehmen nur den letzten Ausweg dar“, betont Reuter. Demnach planen 38,01 Prozent Urlaub für (Teile der) Belegschaft (2. Befragung: 45,1%; 1. Befragung: 61,4%), 33,69 Prozent den Abbau von Arbeitszeitkonten (2. Befragung: 43,7%; 1. Befragung: 60,3%), 31,54 Prozent Kurzarbeit, sofern diese noch nicht umgesetzt wurde (2. Befragung: 42,02%; 1. Befragung: 70,6%), 9,97 Prozent die Kündigung von Mitarbeitern (2. Befragung: 12,04%; 1. Befragung: 16,4%) und nur noch 4,04 Prozent ziehen vorübergehende Betriebsschließungen (Standorte oder Filialen) in Erwägung (2. Befragung: 9,52%; 1. Befragung: 8,8%).

„Selbst wenn wir überall Lockerungen sehen, Krankenhäuser ihre Leistungen wieder hochfahren, Sanitätshäuser und orthopädie-technische Betriebe ihre Arbeitsfähigkeit in weiten Teilen zurückgewonnen haben – es gibt keinen Grund, sich zurückzulehnen“, hebt Reuter hervor. „Wir müssen künftig besser gerüstet sein – und da ist die Politik gefragt: Unsere Betriebe müssen endlich deutlich als systemrelevanter Komplex des Gesundheitswesens benannt werden.“

Um die weiteren Auswirkungen der Corona-Krise auf die Branche zu dokumentieren, wird die Befragung der Mitgliedsbetriebe des BIV-OT fortgesetzt. Die vierte Befragung wird ab 6. Juli bis einschließlich 19. Juli stattfinden.

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Tobias Kurtz / 26.06.2020 - 09:34 Uhr

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