Die Versorgung chronischer Wunden steuert in Deutschland auf ein großes Problem zu. Rund eine Million Menschen litten 2021 an chronischen Wunden, so das Ergebnis des DAK-Versorgungsreports 2024, den Hans-Dieter Nolting, Studienautor und Geschäftsführer des Forschungs- und Beratungsunternehmens IGES, auf dem Wunddialog vorstellte. Diese Zahlen würden demnächst weiter hochgehen „und zwar merklich“, so Nolting.
Eine spezialisierte Versorgung einer chronischen oder schwer heilenden Wunde erfolge laut den DAK-Daten nur in neun Prozent der Fälle, was Nolting als „sehr selten“ bezeichnete. Die durchschnittliche Behandlungsdauer einer chronischen Wunde beträgt lauf DAK-Report 130 Tage. Auf Deutschland hochgerechnet kommt der Report auf Kosten von 2,9 Milliarden Euro durch chronische Wunden pro Jahr. Sein knappes Fazit: „Wir müssen da was tun.“
Gabriela Kostka von der DAK-Gesundheit verwies auf die teils mangelnde Datenbasis, etwa durch nicht eindeutiges Codieren chronischer Wunden im Krankenhaus, was beispielsweise auch die gezielte Ansprache der Patient:innen erschwere, um sie in eine strukturierte Versorgung zu lenken.
In der Wundversorgung sei in den vergangenen Jahren „nicht allzu viel“ passiert, bemängelte André Lantin, Geschäftsführer der WZ-WundZentren GmbH. Lantin schilderte, wie kompliziert sich die Vertragsverhandlungen für seine 23 Unternehmens-Standorte in fünf Bundesländern gestalten. Als weitere Beispiele nannte er die Berechnungen zu angenommen Krankheitstagen der Beschäftigten, die ebenso an der Alltagsrealität vorbeigingen, wie die noch immer stattfindende Kommunikation mit Faxgeräten.
Martin Haas vom Wundkompetenzzentrum (WKZP) Passau schilderte, dass Vertragsangebote der Krankenkassen nicht verhandelbar oder an tatsächliche Gegebenheiten anzupassen seien und nicht den aktuellen Kosten entsprächen. So seien etwa Pauschalen für PKW-Kosten nicht annähernd kostendeckend, die Kostenrechnungen der Krankenkassen berücksichtigen nicht Anschaffungs- oder laufende Fixkosten der Zentren, wohingegen manche Vorgaben „viel Klein-Klein“ seien, beispielsweise die Berechnung des benötigen Desinfektionsmittels.
Juliane Pohl, Leiterin des Referats Ambulante Gesundheitsversorgung im Bundesverband Medizintechnologie (BVMed), betonte nach den geschilderten praktischen und strukturellen Defiziten in der Wundversorgung die Bedeutung einer Nationalen Wundstrategie für Deutschland. Diese sei nicht nur zur Verbesserung der Lebensqualität der Patient:innen erforderlich, sondern auch, um mit den komplexen strukturellen, finanziellen und politischen Herausforderungen umgehen zu können.
Aus Sicht des MedTech-Verbandes BVMed sei klar, dass eine gute Wundversorgung mehr brauche als ein gutes Produkt. Als Fundament der Nationalen Wundstrategie stellte Pohl deren 12 Säulen vor, die von einem zu entwickelnden Leitbild über die Standardisierung des Informationsaustauschs, die Sicherstellung des Zugangs zu qualitätssicheren Wundprodukten, der Förderung einer evidenzbasierten Bewertung von Wundprodukten bis zur Verbesserung der Patient:innenaufklärung reichen. Der Vorschlag für eine Nationale Wundstrategie kann unter www.bvmed.de/wundstrategie abgerufen werden.