An der Rückkehr des persönlichen Austausches arbeiten seit zwei Jahren die beiden Kongresspräsidenten Prof. Dr. Martin Engelhardt und Dipl.-Ing. (FH) Merkur Alimusaj zusammen mit dem Programm-Komitee. „Trotz aller pandemischer Fallstricke und Bedenken konnten wieder hochkarätige nationale und internationale Expertinnen und Experten für den Kongress gewonnen werden – das spricht für das Format der OTWorld und das Netzwerk aller Beteiligten!“, erklären die Kongresspräsidenten. „Internationalität und Vernetzung sind in einer globalisierten Struktur unerlässlich“, meint Merkur Alimusaj.
„Wir lernen voneinander – die hervorragende handwerkliche Ausbildung in Deutschland und etwa der hohe akademische Anteil im Fach in den USA können zu zukunftsweisenden Synergien führen.“ Neben der Internationalität legen die Kongresspräsidenten großen Wert auf die Stärkung der interdisziplinären Zusammenarbeit zum Wohle der Patienten, u.a. in der Prothetik. „Unser Ziel ist es, mit dem Kongress die interdisziplinäre Teamarbeit von Orthopädietechnikern, Ärzten und Therapeuten zu verbessern“, betont Prof. Dr. Martin Engelhardt.
Vier Forschungsansätze für die Zukunft der Prothetik
Vier Keynotespeaker führen den internationalen Austausch in der Prothetik an: Univ.-Prof. Dr. Oskar C. Aszmann (Wien) und Dr. Dr. Agnes Sturma, Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin (München), Prof. Kenton Kaufman (Minnesota, USA) sowie Prof. Dr. Bertolt Meyer (Chemnitz).
Im ersten „Tandem-Format“ in der Geschichte des Weltkongresses beleuchtet Prof. Dr. Oskar Aszmann, Medizinische Universität Wien, gemeinsam mit der Physiotherapeutin und Co-Referentin Dr. Dr. Agnes Sturma aus interdisziplinärer Sicht das Thema „TMR und Osseointegration“ mit dem Fokus auf Amputationen oberhalb des Ellbogens. Der Professor stellt in Leipzig neueste Forschung zu Targeted Muscle Reinnervation (TMR) – der Übertragung ungenutzter Nerven auf den Stumpf – und Osseointegration – der direkten Verankerung der Prothese im Knochen – vor. Betroffene steuern mittels TMR die Prothese, allerdings muss der Umgang mit der neuen neurologischen Realität nach dem Nerventransfer erst erlernt werden, wie Prof. Dr. Oskar Aszmann betont. Wie das geht und Benutzer ihre Prothese als ein authentisches, biologisches Körperteil wahrnehmen lernen, zeigt Dr. Dr. Agnes Sturma zur Keynote in Leipzig. Im Mittelpunkt der Tandem-Keynote am 12. Mai, 14 bis 14:30 Uhr, steht der Praxisbezug. „Da sich ja viele Menschen an ihren Händen infolge von Arbeitsunfällen verletzen oder sie gar verlieren, geht es darum, ihnen auf bestmögliche Weise wieder in den Arbeitsalltag zurückzuhelfen“, erklärt Prof. Dr. Oskar Aszmann. „Wie unterstützt unsere Forschung zum Beispiel den Waldarbeiter nach einer Armamputation dabei, wieder in seinem Arbeitsumfeld anzukommen und einen Baum abzusägen?“
Robotik: Annäherung an die menschliche Performance
Statt auf Nerventransfers setzt Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin, Inhaber des Lehrstuhls für Robotik und Systemintelligenz und Direktor des Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (MIRMI) an der Technischen Universität München, auf den Einsatz maschineller Intelligenz zur Verbesserung von Prothesen.
„Wir wollen mathematische Algorithmen entwickeln und daraus neue Technologien ableiten, die beispielsweise die Flexibilität des menschlichen Handgelenks erreichen.“
Prof. Dr.-Ing. Sami Haddadin, Technische Universität München
Denkbar sei auch die Entwicklung künstlicher Muskeln, die an die menschliche Performance herankommen. „Wir arbeiten mit den Methoden des maschinellen Lernens bzw. der maschinellen Intelligenz daran, dass zum Beispiel eine Prothese eine vorausschauende menschliche Erweiterung des Körpers ist – so wie ja Beine oder Arme genauso wenig nur mechanisch funktionieren, sondern dafür komplexe adaptive Prozesse ablaufen“, erklärt der Forscher. Prof. Haddadin spricht von einem Paradigmenwechsel in den letzten Jahren, weg vom mechanischen Verständnis der Prothetik hin zu intelligenten Systemen, auch wenn es noch ein langer Weg bis zur Anwendung in industriellen Produkten sei. In seiner Keynote „Intelligentes Steuern und Lernen in der Prothetik“ am 13. Mai, 12 bis 12:30 Uhr, berichtet er über Fortschritte in der Forschung zu maschineller Intelligenz und Robotik und welchen Gewinn sie für Entwicklung von Prothesen darstellen könnten.
Stereotypen im Blick
Dass die zunehmende Digitalisierung Menschen mit Beeinträchtigung völlig neue Möglichkeiten eröffnet, findet auch Prof. Dr. Bertolt Meyer. Der Digitalisierung verdanken Querschnittgelähmte das zeitweise Gehen per Exoskeletten oder Menschen mit Mehrfachbehinderung die Steuerung von Hilfsmitteln per Blickbewegungserkennung (Eye-Tracking), um nur einige Beispiele zu nennen. „Unsere Forschung zeigt, dass in der neuen Technik nicht nur ein funktionaler, sondern ebenfalls ein psychologischer Vorteil liegt“, erklärt der Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität (TU) Chemnitz. Er trägt selbst eine bionische Prothesenhand von Össur. Per Muskelimpuls steuert er seine Prothese, ob im Alltag oder als DJ in der Klubszene. Prof. Dr. Bertolt Meyer kennt die Chancen, die diese Hilfsmittel bieten, ist aber auch mit den Vorurteilen von Nicht-Prothesenträgern konfrontiert. Wie betrachten Nichtprothesenträger Menschen mit Prothesen? Der Frage nach den Stereotypen gegenüber Trägern bionischer Prothesen ging er in seinen aktuellen Forschungsarbeiten nach. Erste Ergebnisse stellt Prof. Dr. Bertolt Meyer in seiner Keynote unter dem Titel „Digitalisierung: Chancen und Risiken für Menschen mit Beeinträchtigungen“ am 11. Mai, 14 bis 14:30 Uhr, zur OTWorld vor.
USA: Was leisten künstliche Gliedmaßen wirklich?
Register sind in der Medizin ein großes Thema, um weitere evidenzbasierte Erkenntnisse für die Versorgung von Menschen zu gewinnen. Noch immer gibt es in Deutschland kein bundesweites Exoprothesenregister, obwohl es von zahlreichen Verbänden wie dem Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik e. V. (BIV-OT) und der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Hilfsmittelversorgung (DGIHV) nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Medical Device Regulation (MDR) seit langen gefordert wird. Umso mehr lohnt sich ein Blick über den Teich in die USA: Prof. Kenton Kaufman vom W. Hall Wendel Jr. Musculoskeletal Center an der Mayo Klinik in Minnesota ist auf die Forschung im Bereich der muskuloskelettalen Rehabilitation spezialisiert. Der Professor leitet ein Projekt zur Entwicklung eines nationalen US-amerikanischen Registers für Gliedmaßenverlust und -erhaltung (LLPR – Limb Loss and Preservation Registry), das pro Tag Informationen zu den Ursachen, Behandlungsverfahren und Ergebnissen von mehr als 500 Amputationen in den Vereinigten Staaten erfasst. Mithilfe des Registers sollen die Präventions-, Behandlungs- und Rehabilitationsbemühungen für diese Bevölkerungsgruppe verbessert werden. In seiner Keynote am 10. Mai, 14 bis 14:30 Uhr, beleuchtet Prof. Kenton Kaufman die Möglichkeiten der Registerforschung und informiert, wie evidenzbasierte Entscheidungsfindung bei der Versorgung von Patienten helfen kann.