Wie heißen die Kollegen? Wo finde ich die Bandagen? Und was bedeutet das auf dem Rezept? Die ersten Tage im neuen Job sind anstrengend – besonders im Sanitätsfachhandel. Julien Tiedtke weiß das aus eigener Erfahrung. Der Prokurist im Sanitätshaus Alphamed begann im Mai 2020 als Quereinsteiger in der Hilfsmittelbranche und verstand am Anfang nur wenig. Zusammen mit seiner Partnerin Kimberley Kensicki gründete er Sanistar und entwickelte das Konzept Bruno Bär: eine Software, die Sanitätshausmitarbeiter beim Einstieg und weiteren Berufsalltag unterstützen soll.
An seinen Start im Sanitätsfachhandel kann sich Julien Tiedtke noch gut erinnern. „Ich habe zum Beispiel kein Muster erkannt, welche Bandage für welchen Kunden die richtige ist. Und was ist abrechnungsfähig? Ich verstand das Rezept nicht.“ Tiedtke fühlte sich verwirrt, planlos und überfordert. Ständig habe er die Kollegen fragen müssen. Aber: „Unsere Mitarbeiter sind keine gelernten Ausbilder. Dazu addieren sich unterschiedliche Namen, Begriffe und Synonyme. Die Einarbeitung dauert damit nicht nur sehr lange, sondern wird auch zum Experiment am Kunden.“
Die Unsicherheit schlage sich dann ganz konkret im Umsatz nieder, so Tiedtke weiter. Wenn Mitarbeiter verordnete Produkte und deren Anwendungsbereiche nicht kennen, werde der Kunde häufig weggeschickt mit der Begründung, dass man das Produkt nicht habe – obwohl ein vergleichbares Hilfsmittel im Sortiment geführt wird. „Wenn ich nur ein Rezept pro Tag und Filiale verliere, kommt auf’s Jahr gesehen richtig viel zusammen.“
In den vergangenen Jahren besuchte Julien Tiedtke zahlreiche Herstellerschulungen. Dort lerne man zwar alles über das jeweilige Produkt, entwickle aber kein Verständnis für Hilfsmittelkatalog und -typen. Außerdem tauschte er sich intensiv mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Alphamed und anderen Sanitätshäusern aus. „Dabei wurde mir klar, dass auch unsere langjährigen Kräfte alle über unterschiedliches Wissen und Standards verfügen. Das liegt nicht an den Kollegen. Unsere Branche ist einfach sehr komplex.“
„Bruno Bär“ von Sanistar hilft
Zusammen mit seiner Partnerin Kimberley Kensicki, ihrem Vater (Inhaber des Sanitätshaus Alphamed) und einem Berliner Orthopäden gründete Julien Tiedtke die Sanistar GmbH und entwickelte die Software „Bruno Bär“. Sie übersetzt Verordnungen in passende Hilfsmittel aus dem eigenen Sortiment.
Alle im GKV geführten Produkte sind dafür bereits in der Datenbank gelistet, führt Julien Tiedtke aus. Die meisten Hilfsmittelhersteller unterstützten Bruno Bär außerdem bereits mit Produktbildern, -texten, Indikationen und Größentabellen. Bruno Bär soll nicht nur Einsteigern in die Sanitätshausbranche, sondern auch langjährigen Kollegen wertvolle Dienste leisten. Bei einem Sortimentswechsel etwa informiert die Software über Versorgungsalternativen. Über die bekannten Produkte würden die Mitarbeiter die neuen kennenlernen. Tiedtke hebt die Leistungsfähigkeit der Suchfunktion hervor. Die Datenbank beinhaltet Hersteller- und Produktnamen, die Hilfsmitteltyp-Bezeichnungen (nach GKV) sowie die jeweiligen 7- und 10-Steller. Hinzu kämen außerdem in der Praxis geläufige Branchenbezeichnungen und Synonyme, wie etwa Tutorschiene für Knieimmobilisierungsorthese. Die jeweiligen Filter würden miteinander kombiniert. „Ziel ist, dass der Mitarbeiter die richtigen 7-Steller angezeigt bekommt.“ Darüber hinaus sei die Software ein Baustein auf dem Weg in die Digitalisierung, da die gedruckten Kataloge und Versorgungsfächer der Lieferanten integriert seien und damit hinfällig würden. Darüber hinaus soll die Software künftig um Videos und Grafiken erweitert werden. Damit lasse sich die Beratung auf ein qualitativ höheres Niveau anheben. „In den Videos werden die Produkte in Situationen mit Mehrwert dargestellt. Die Mitarbeiter können ihren Kunden die Funktion anschaulich erklären und sie emotional packen.“