Über Künstliche Intelligenz wird seit dem Aufkommen der generativen KI viel gesprochen. Inzwischen nutzen 67 Prozent der Menschen in Deutschland generative KI wie ChatGPT & Co., und 62 Prozent verwenden zumindest gelegentlich digitale Sprachassistenten – also KI-Tools, mit denen man spricht, um Hilfe, Ratschläge oder konkrete Produkte beziehungsweise Services zu erhalten.
Werfen wir einen Blick auf die Menschen – die Patient:innen der Zukunft. Sie sind Kinder der Krisenjahre – geformt von Pandemie, Inflation, Umweltängsten und einem neuen Bewusstsein für Gesundheit als Lebensgrundlage. 71 Prozent der unter 35-Jährigen geben laut dem Zukunftsinstitut an, „ihre Gesundheit als wichtigsten Wert des Lebens“ zu sehen.
Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die mehr Geld in eigene Gesundheitsvorsorge investieren, sich aber von Krankenkassen nicht ausreichend unterstützt fühlen. Diese Generation will Versorgung – und sie will Selbstbestimmung. Sie will wissen, was ihr Körper braucht, und dass die Lösungen, die sie bekommt, zu ihrem Lebensgefühl passen.
Der Sanitätsfachhandel, wie er jahrzehntelang bestand, trifft hier auf eine Kundschaft, die nicht mehr „abholt“, sondern mitgestalten will. Sie kommen mit Fragen – aber auch mit Daten: mit Schrittzählern, App-Protokollen und Chatverläufen aus digitalen Beratungen. Die Patient:innen der Zukunft sind besser informiert als früher – und kritischer. Diese Menschen werden es gewohnt sein, dass sich Lösungen an sie anpassen.
Bereits heute kommuniziert eine Vielzahl der jungen Generation mit ChatGPT über mögliche Therapien. Sie tracken ihren Fitnessstand, holen sich Rezepte zur gesünderen Ernährung, testen Geräte – möglicherweise auch Bandagen – mit Augmented Reality, lesen Produktbewertungen in Online-Communities und buchen Reha-Termine digital. Was früher Vertrauen brauchte, wird heute getestet, verglichen, geteilt – und das gilt auch für bekannte Marken, die ihren Qualitätsstandard halten müssen.
KI für den Sanitätshandel: ein paar Ausblicke
1. KI-Auswertungen schaffen mehr Präzision gegenüber dem Patienten
Die größte Revolution findet oft im Verborgenen statt – im Backoffice, in Formularen, in Workflows. KI-Systeme übernehmen Dokumentationspflichten, erkennen Fehler in Kostenvoranschlägen, formulieren Genehmigungsanträge für Krankenkassen automatisch vor. Künstliche Intelligenz liest Bewegungsprofile, erkennt Fehlhaltungen, vergleicht Belastungszonen – nicht, um Diagnosen zu stellen, sondern um Fachkräften präzisere Empfehlungen zu geben. So wird Versorgung zur Partnerschaft: Der Algorithmus analysiert, der Mensch interpretiert, entscheidet, begleitet.
Doch nicht nur intern verändert KI den Alltag: Chatbots und Sprachassistenten übernehmen die Erstberatung – empathisch formuliert, 24 Stunden erreichbar und in einfacher Sprache. Virtuelle Terminplanung reagiert auf den Gesundheitsverlauf und schlägt selbstständig Kontrolltermine vor. Emotionserkennungssysteme können über Stimme oder Schreibverhalten Anzeichen von Schmerz oder Verunsicherung erkennen und an menschliche Berater:innen weiterleiten. Das ist keine Science-Fiction. Viele dieser Systeme werden bereits in Pilotprojekten des Fraunhofer IAO und der AOK getestet.
2. Produktentwicklung: Die Sanitätsprodukte der Zukunft sind digital adaptiver
KI wird in der Produktentwicklung zum Innovationsmotor. Smarte Orthesen passen sich dynamisch an den Körper an, 3D-Drucker produzieren Unikate auf Basis biometrischer Daten, und Sensorik-Systeme lernen aus der Nutzung. Ein Beispiel: Eine Knieorthese erkennt über Sensoren Veränderungen im Bewegungsverhalten und passt ihre Stabilität automatisch an. Die gesammelten Daten helfen Herstellern, Produkte zu verbessern, Material zu optimieren und Passformen zu personalisieren. Branchenanalysen von Grand View Research prognostizieren, dass der Markt für Smart Medical Devices bis 2030 auf über 185 Milliarden US-Dollar wächst – bei jährlich rund 13 Prozent Zuwachs. Der Trend zeigt: Hilfsmittel werden vernetzter, sensibler und adaptiver.
3. Generative KI im Marketing macht Werbung selbst für kleinste Handelsunternehmen möglich
KI verändert auch die Art, wie Sanitätshäuser gefunden, verstanden und erlebt werden. Statt klassischer Werbung entsteht eine neue Art des Gesundheitsmarketings – personalisiert, empathisch, datengestützt. Durch die Auswertung von Patientenfeedbacks, Bedenken und Wünschen, die mit KI schnell analysiert werden, können Kommunikation und Angebote gezielt angepasst werden. Und durch generative KI-Tools in der Bild- und Texterstellung wird es selbst kleinen Sanitätsfachhändlern möglich, Kampagnen zu entwerfen und Inhalte professionell zu gestalten.
4. KI-Assistenten helfen in Logistik und Bestellungen
Auch jenseits der Kundenbeziehung verändert KI die Struktur des Fachhandels. In Lager und Logistik analysiert sie Nachfragen, erkennt saisonale Schwankungen oder Lieferengpässe und steuert Bestände vorausschauend. Im Servicebereich lernt sie aus Rücksendungen, Bewertungen oder Bewegungsdaten, wann ein Produkt gewartet, erneuert oder angepasst werden sollte. So wird der Fachhandel zum zirkulären System – präziser, ressourcenschonender, nachhaltiger. Sustainable AI – also ein bewusster Einsatz von KI für große soziale wie planetare Ziele – ist dabei nicht nur effizient, sondern auch regenerativ: ökologisch und menschlich.
Die Autorin
Theresa Schleicher ist eine der führenden Handels-Zukunftsforscherinnen in Deutschland. Die ehemalige Geschäftsführerin der Hirschen Group berät Handels- und Wirtschaftsunternehmen und ist Jurymitglied bei Handels-Innovationspreisen. Sie ist Keynote-Speakerin und Investorin in Retail-Start-ups. Mehr zur neuen Handelsstudie von Theresa Schleicher: www.thefutureproject.de