Manchmal gerät der gesunde Menschenverstand an seine Grenzen. Zuletzt etwa anlässlich des Hilfsmittelforums des BVMed auf der Rehacare, als Dr. Carmen Lechleuthner die Hilfsmittelversorgungs-Geschichte ihres fünfjährigen Kindes vorstellte. Ein Paradebeispiel für eine um sich greifende Misstrauenskultur, die sich in nicht nachvollziehbaren Regelungen niederschlägt und einer individuellen Versorgung entgegensteht.
Korbinian leidet an einer schweren Cerebralparese (CP) und ist auf Hilfsmittel und unterschiedliche Medikamente angewiesen. Wie herausfordernd der Weg zur notwendigen Hilfsmittelversorgung bisweilen sein kann, beschrieb seine Mutter Carmen Lechleuthner anhand zahlreicher Beispiele und in eindrücklichen Worten. Über 40 Gutachten des Medizinischen Dienstes (MD-Bund) lägen der Familie inzwischen vor, in denen die beantragte Hilfsmittelversorgung abgelehnt worden sei – meist nach Aktenlage oder von nicht spezialisierten Allgemeinmedizinern, berichtete Carmen Lechleuthner. Nur ein Gutachtertermin habe mit einem Facharzt stattgefunden. Dagegen heiße es in einem „nach Aktenlage“ erstellten Gutachten, dass das Kind stehen könne. „Dies ist jedoch nicht korrekt, mein Kind kann nicht stehen“, erklärt Lechleuthner.
„Wir können uns wehren, aber selbst uns frustriert das. Selbst wir schieben Anträge vor uns her. Mein Sohn ist nicht nur ein Kostenfaktor. Wenn ich für einen Rolli streite, erlebe ich das als Diskriminierung. Wir haben die meisten Hilfsmittel durchgesetzt. Der Rechtsanspruch scheint also zu bestehen.“
Carmen Lechleuthner
Aus ihrem Frust über die Versorgungssituation rief Carmen Lechleuthner eine Petition ins Leben. Diese ist inzwischen abgeschlossen. Sie habe viele Zuschriften von „verzweifelten Familien“ erhalten und trage die Forderungen daher jetzt in die Politik.
Hilfsmittelversorgung: Wider die Misstrauenskultur
Zu den Unterstützern gehört unter anderen das Aktionsbündnis Rehakind. „Die Misstrauenskultur verärgert“, leitete dessen Geschäftsführerin Christiana Hennemann in ihre Ausführungen ein. Sie bestätigte zudem: „Es ist nicht ausreichend, nach Aktenlage eine behinderte Person zu beurteilen, die ein Hilfsmittel benötigt“. Körperlich Behinderte würden eine individuelle, bedarfsgerechte und qualifizierte Versorgung „von allen Seiten“ benötigen. Wenn Betroffene in der Wachstumsphase des Lebens stecken, müssen sie besonders intensiv versorgt werden. Nur durch eine solche zielgerichtete und zeitgerechte Versorgung würden behinderte Kinder und Jugendliche in ihrem jeweiligen Entwicklungsalter leben und sich auch weiterentwickeln können. In der bisherigen Praxis könne dies derzeit nicht gewährt werden, die Prozesse seien ungeeignet. „Das Misstrauen vorweg geht nicht, da sich das Zeitfenster für eine Versorgung schließt.“
Hinzu kommt: „Der Kostendruck im Gesundheitswesen kann nicht auf den Schultern der kleinsten Gruppe ausgetragen werden.“ Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels könne es sich die Gesellschaft außerdem nicht erlauben, Kinder liegen zu lassen. „Wir müssen ihnen durch die Hilfsmittelversorgung eine Perspektive auf dem ersten Arbeitsmarkt ermöglichen“, forderte Hennemann.
Ablehnungen bei Kindern „inakzeptabel“
Ist Korbinian ein Einzelfall? Viele Versorgungen würden zwar schnell und problemlos genehmigt, fasste die Rehakind- Geschäftsführerin ihre Erfahrungen zusammen. „Aber nicht diejenigen von Kindern mit komplexen Problemen.“ Subjektiv habe sie den Eindruck, dass Rehakind mehr Nachfragen von Eltern erhalte als in der Vergangenheit. Viele Familien hätten zudem Probleme mit dem Verständnis der Gutachten und Briefe.
Auch Prof. Dr. med. Rüdiger Krauspe, ehemaliger Direktor der Klinik für Orthopädie am Universitätsklinikum Düsseldorf, verneint: „Eine größerer Anteil läuft so holprig wie bei Korbinian.“ Darüber hinaus stellte er klar: „Ablehnungen im Kindesalter sind per se inakzeptabel.“ Der MD-Verbund verhalte sich nach den geltenden Regeln. „Daran müssen wir arbeiten.“
Einen ausführlichen Bericht über das BVMed-Hilfsmittelforum finden Sie in der Oktober-Ausgabe von GesundheitsProfi.