GP: Sie haben vor Kurzem einen neuen Standort im Herzen von Berlin eröffnet. Erzählen Sie doch bitte für unsere Leser zunächst etwas über sich selbst und Venaziel.
Dr. Hamidreza Mahoozi: Die Philosophie von Venaziel ist, dass wir die Klinik der Zukunft nicht als Krankenhaus, sondern als ambulantes Zentrum sehen. Deshalb habe ich 2023 den ersten Standort in Berlin an der Friedrichstraße gegründet. Mit meiner langjährigen Erfahrung in Allgemein-, Thoraxchirurgie und Lymphologie stehe ich meinen Patientinnen und Patienten nun an mehreren Standorten in Berlin zur Verfügung. Unser neuestes Zentrum liegt am Checkpoint Charlie, im Herzen von Berlin. Dort verfügen wir über drei OP-Säle der Klasse 1B sowie ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ). Wir haben unsere Leistungen noch einmal erweitert: Neben Venenbehandlungen bieten wir auch proktologische Versorgungen an. Wir haben auch ein Hernienzentrum (spezialisiert auf Weichteilbrüche, Anm. d. Red.) gegründet. Unsere Vision ist eine moderne, patientenzentrierte Versorgung – digital, effizient und spezialisiert. Ambulantisierung verstehen wir dabei nicht nur als organisatorische oder abrechnungstechnische Maßnahme, sondern als einen grundlegenden Wandel in der Denkweise, weg vom Krankenhausmodell, hin zu einer flexibleren, sektorübergreifenden Medizin. Digitalisierung und neue Technologien sind dafür wichtige Werkzeuge, aber entscheidend ist das Mindset dahinter.
GP: Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Behandlung von Lipödempatientinnen. Sollen durch die Ambulantisierung der Behandlung Erkrankungen wie das Lipödem von der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit bekommen?
Mahoozi: In erster Linie möchten wir eine zeitnahe und umfassende Versorgung anbieten, ganz im Sinne einer Begleitung auf dem individuellen Weg der Patientinnen. Dazu zählen die fachärztliche Diagnostik, eine fundierte Ernährungsberatung, die Kompressionstherapie und manuelle Lymphdrainage. Darüber hinaus führen wir auch minimalinvasive Liposuktionen durch, zum Beispiel mit der schonenden Vaser-Technologie, die ohne klassische Hautschnitte auskommt und besonders gewebeschonend arbeitet. Uns ist jedoch wichtig zu betonen: Die Operation allein reicht nicht. Nachhaltiger Behandlungserfolg entsteht nur dann, wenn auch danach weitergedacht wird, durch regelmäßige Nachsorge, Lebensstilanpassung und langfristige Unterstützung. Genau hier sehen wir unsere Aufgabe als Zentrum, nicht nur zu operieren, sondern Patientinnen dabei zu helfen, ihr Ergebnis langfristig zu halten und Lebensqualität zurückzugewinnen.
GP: Also ist es ja dann nicht nur ein Operationszentrum, sondern ein Therapiezentrum in gewisser Weise…
Mahoozi: Genau! Ein Therapiezentrum mit dem Ziel, dass die Patienten unterstützt werden auf ihrem Weg, mental etwas zu ändern, den Lebensstil zu ändern und nach der Behandlung langfristig weniger Probleme zu haben und besser ins Leben zurückzukommen.
GP: Das neue MVZ von Venaziel ist interdisziplinär geplant. Was bedeutet das? Welche anderen Disziplinen neben der Chirurgie sind am Standort vertreten?
Mahoozi: Wir verstehen Digitalisierung nicht als rein technisches Tool, sondern als Begleiter auf dem gesamten Weg unserer Patientinnen von der Terminvereinbarung bis zur Nachsorge. Der erste Kontaktpunkt beginnt bereits bei der Online-Terminbuchung, die durch ein KI-gestütztes Gesprächssystem unterstützt wird. Patienten erhalten automatisierte, aber individuell relevante Informationen per E-Mail oder Chat, datenschutzkonform und effizient. So gewinnen unsere Mitarbeitenden wertvolle Zeit für das persönliche Gespräch und die medizinische Betreuung. Im Bereich Diagnostik setzen wir unter anderem auf einen 3D-Körperscanner, der exakte Informationen zur Körperzusammensetzung liefert. Damit können wir präzise beurteilen, wie sich z. B. Fett- oder Flüssigkeitsverteilungen im Rahmen von Lipödemen oder Lymphödemen darstellen, ganz ohne invasive Maßnahmen. Während der Behandlung fließen alle Informationen in eine digital geführte, cloudbasierte Patientenakte. Diese ist für die behandelnden Ärztinnen jederzeit einsehbar, auch standortübergreifend. Dokumentation erfolgt teilweise sprachgesteuert, wodurch wir mehr Zeit in den direkten Austausch mit unseren Patientinnen investieren können.
Nach der Behandlung begleiten wir die Patienten und Patientinnen weiterhin digital über strukturierte E-Mail-Kommunikation, automatisierte Verlaufskontrollen oder auch per Videosprechstunde. Ein intelligentes Chat-System beantwortet viele häufige Fragen schnell, präzise und rund um die Uhr, besonders außerhalb der regulären Sprechzeiten. Unser Ziel ist es nicht, die ärztliche Arbeit zu ersetzen, sondern sie sinnvoll zu erweitern. Digitale Lösungen helfen uns, Kommunikation zu verbessern, Abläufe zu entlasten und letztlich mehr Zeit für das zu schaffen, worauf es ankommt: die individuelle Betreuung jedes einzelnen Menschen.
GP: Sie setzen im neuen MVZ am Checkpoint Charlie auf modernste Technologien wie KI. Welche Rolle werden digitale Tools in Zukunft spielen? Welche setzen Sie in Ihrer Praxis ein?
Mahoozi: In unserem MVZ haben wir mehrere digitale Services zusammengefasst, alle Daten und Werte der Patienten werden in der Cloud abgespeichert und sind so jederzeit verfügbar. Alles, was wir von den Patienten aufnehmen, wird durch ein KI-Gesprächssystem aufgezeichnet und als Akte abgespeichert. Das bedeutet für uns, dass wir mehr Zeit auf das Gespräch verwenden können und weniger tippen müssen. Dabei haben wir keine Angst, dass die KI uns ersetzen könnte. Sie ist ein hilfreiches Tool, ein Instrument. Sie hilft uns, und wir verbessern die Versorgungsqualität. Durch künstliche Intelligenz können Patientenanfragen schneller und präziser beantwortet werden. Dazu gehört unter anderem ein Chatbot, der außerhalb der Sprechzeiten die Fragen von Patienten oder Interessierten wie eine medizinische Fachperson beantworten kann. Damit verringert sich die Wartezeit für die Patienten, sie kriegen ihre Antworten rund um die Uhr. Ein anderes digitales Tool ist die 3D-Vermessung der Patienten durch einen Scanner. So können wir haargenau sagen, wie viele Fettanteile an welchem Körperteil verteilt sind. Und natürlich ist es von Vorteil, wenn alle Befunde digitalisiert und auf einen Blick für den behandelnden Arzt verfügbar sind. Damit können Fragen der Patientinnen und Patienten besser eingeordnet und schließlich beantwortet werden.
GP: Welche Bedeutung hat der Hilfsmittelmarkt für die Behandlung von Lipödemen oder phlebologischen Erkrankungen?
Mahoozi: Ohne Hilfsmittel kommen wir nicht weiter. Die Behandlung von Patienten ist wie eine Kette von verschiedenen Dienstleistungen. Die Begutachtung und die Gespräche mit den Patienten sind ebenso Teil dieser Kette wie der Einsatz von Hilfsmitteln. Ohne sie funktioniert die Versorgung nicht.
GP: Wieso stockt Ihrer Meinung nach die Ambulantisierung von Operationen in Deutschland? An welcher Stelle hakt es?
Mahoozi: Ich denke, dass Ambulantisierung neu definiert werden muss. Sie darf nicht nur ein Abrechnungsmodell sein, sie braucht eigene Strukturen, braucht Qualitätsstandards. Teil der Neudefinition müssen moderne Technologien sein. Ohne sie geht es nicht. Aus meiner Sicht helfen sie massiv, die Versorgung zu verbessern. Ein weiterer, notwendiger Schritt zu einer ambulanten Versorgung ist der Abbau von bürokratischen Hürden. Wir haben speziell im Krankenhaussystem zu viel Bürokratie, das muss durch die Politik reduziert werden. Die Vorteile einer ambulanten Versorgung müssen noch stärker kommuniziert werden. Sie bedeutet für alle involvierten Personen eine Entlastung. Das Arzt- und Pflegepersonal kann sich besser um die einzelnen Patienten kümmern, für diese bedeutet es, in den eigenen vier Wänden in echter Ruhe zu genesen. Durch die moderne Technik können wir Patienten im häuslichen Umfeld genauso gut überwachen wie auf einer Krankenhausstation. Alle Werte, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, können in Echtzeit übertragen werden. Der Kontakt zum Patienten intensiviert sich, mögliche Risikofaktoren wie Krankenhauskeime werden ausgeschaltet. Und ich spreche nicht nur von kleinen Eingriffen. Wir können auch mittelklassige Eingriffe inzwischen ambulant auf einem hervorragenden Niveau versorgen. Ambulantisierung in ihrer heutigen Form ist nicht mehr wie vor 20 Jahren. Sie hat sich stark weiterentwickelt.
GP: Abschließend: Was wünschen Sie sich von der Gesundheitspolitik?
Mahoozi: Die Ambulantisierung von Behandlungen ist inzwischen im Sichtfeld der Politik angekommen. Dennoch braucht es Unterstützung, um sie zukunftsfähig zu machen. Die Abrechnungsmodelle sind sehr kompliziert, es gibt zu viel Bürokratie. Hier muss die Politik eingreifen. Zudem werden zukunftsweisende Technologien wie die Robotikchirurgie, die in anderen Ländern längst Standard ist, bei uns nicht unterstützt. Dabei lassen sich mithilfe dieser Technik zahlreiche Eingriffe, etwa an der Bauchwand, im Becken oder an inneren Organen, deutlich präziser und schonender durchführen.