GP: Herr Dr. Bohnen, Sie sind jetzt seit einem Jahr Geschäftsführer bei Ofa Bamberg. Wenn Sie auf dieses erste Jahr zurückblicken – wie haben Sie es erlebt?
Dr. Fabian Bohnen: Das erste Jahr war sehr arbeitsintensiv. Wir haben bereits vor einiger Zeit begonnen, unsere Strukturen weiterzuentwickeln und unsere Prozesse zu modernisieren. Als Geschäftsführer arbeite ich zudem verstärkt nach außen und stehe noch enger im Austausch mit unseren Geschäftspartnern und Kunden. Gemeinsam mit Stephan Börner, der seit Juli 2025 bei Ofa Bamberg tätig ist, möchten wir diese Geschäftsbeziehungen weiter aufbauen, pflegen und entwickeln. Viele unserer Kunden habe ich im März auf der Expolife in Kassel getroffen, und auch im vergangenen Jahr waren wir bei zahlreichen Kunden vor Ort.
GP: Herr Börner, Sie sind im letzten Jahr bei Ofa gestartet. Wie blicken Sie auf das erste halbe Jahr zurück und was hat Sie in der Hilfsmittelbranche besonders überrascht?
Stephan Börner: So richtig überrascht hat mich bei meinem Einstieg eigentlich nichts. Die Hilfsmittelbranche ist ähnlich fragmentiert strukturiert wie die Branche, aus der ich komme (Anm. d. Red.: Apotheken/OTC). Viele Einzelunternehmer, die täglich um ihre Position kämpfen müssen, zahlreiche regulatorische Themen, und vieles mehr – das ist also vergleichbar. In der Apotheke spricht man von einem Rezept, im Sanitätshaus ist es die Verordnung. Auch das zeigt gewisse strukturelle Parallelen. Zudem hatten Fabian und ich uns schon im Vorfeld, seit circa Februar, kennengelernt und erste Themen besprochen. Nachdem ich offiziell gestartet bin, haben wir sehr schnell einen super Arbeitsmodus gefunden, haben viele Kunden und Einkaufsgemeinschaften gemeinsam besucht. Jetzt geht es in den kommenden Monaten und Jahren darum, die Dinge, die wir uns vorgenommen haben, konsequent und erfolgreich umzusetzen. Denn auch wenn der Markt seine gewissen Herausforderungen hat, ist es dennoch ein Wachstumsmarkt. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit dem gesamten Ofa-Team die Zukunft zu gestalten und Ofa weiter auszubauen.
GP: Wie teilen Sie sich die Verantwortungsbereiche auf?
Börner: Fabian und ich sprechen jeden Tag mehrmals miteinander, um ein gemeinsames Verständnis davon zu haben, was wir tun. Wir führen Ofa gemeinsam und das spürt unsere Organisation. Das Team soll keine unterschiedlichen Antworten bekommen, je nachdem, welcher Chef gefragt wurde. Natürlich haben wir aufgeteilte Geschäftsbereiche; für mich sind das der Vertrieb und Marketing, Finanzen und Controlling sowie Einkauf und Personal. Unser Anspruch ist es aber, gemeinsam zu führen.
Dr. Bohnen: Ich bin für den operativen Bereich, also die Produktion an unseren Standorten, die Logistik, die IT sowie Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement zuständig. Wie bereits angeführt: Stephan und ich sind eng und gut aufeinander abgestimmt.
GP: Ofa Bamberg blickt auf über 90 Jahre Erfahrung zurück. Gleichzeitig betonen Sie, dass Sie „ständig Ihr Tun überprüfen und Prozesse hinterfragen“. Wie gelingt dieser Spagat zwischen Tradition und Veränderung konkret?
Dr. Bohnen: Wir behalten die Tradition natürlich immer im Hinterkopf. In zwei Jahren, 2028, feiert Ofa ihr 100-jähriges Bestehen. Das ist ein absoluter Meilenstein in unserer Firmengeschichte und das bereiten wir natürlich jetzt schon vor. Für uns gelten die Schlagworte „Tradition“ und „Herkunft“. Wir wissen, wo unsere Stärken liegen und was unser Fundament ist. Gleichzeitig müssen wir Strukturen und Prozesse weiterentwickeln. Eines der dringenden Themen ist die Digitalisierung der Geschäftsmodelle. Das betrifft nicht nur interne Abläufe, sondern wir denken auch strategisch in Richtung unserer Kunden. Wir wollen prüfen, inwiefern sich zum Beispiel durch den gezielten Einsatz von künstlicher Intelligenz Abläufe verschlanken lassen. Parallel richten wir unseren Blick natürlich stark auf die Struktur unserer Organisation. Wir wollen wachsen, und zwar mithilfe moderner Führungsmethoden. Es ist unerlässlich, mit dem Takt der Zeit Schritt zu halten.
Börner: Es ist uns wichtig zu betonen, dass wir diese Schritte eng verbunden mit unserem Team gehen möchten. Nur so werden wir erfolgreich sein!
GP: Der Sanitätshausmarkt ist Ihr Hauptvertriebskanal. Wie verändert sich dieser Markt gerade – und was bedeutet das für Ihre Strategie?
Börner: Der Sanitätshausmarkt ist – wie auch die Apotheken – ein Markt im Umbruch. Es gibt eine eindeutige Tendenz zur Konsolidierung, das Thema Fachkräftemangel spielt für fast alle Akteure eine entscheidende Rolle. Es gibt weniger Personal, und mit diesem Fakt müssen wir arbeiten. Eine Lösung kann sein, durch digitalisierte Prozesse Strukturen zu verschlanken. Es gibt viele Möglichkeiten, und wir müssen prüfen, was uns wirklich hilft. Was heißt das für unsere Strategie? Wir müssen mit dem Markt umgehen, den wir haben, denn einen anderen bekommen wir nicht. Viele unserer Außendienstmitarbeiter haben vorher in Sanitätshäusern gearbeitet und wissen genau, was vor Ort benötigt wird. Diese Knowledge-Transfers lassen wir gezielt in unsere Arbeit einfließen. Daraus entstehen dann Initiativen wie Ofa Plus, mit der wir Sanitätshäuser gezielt beim Recruiting und beim Marketing unterstützen. Wir möchten in erster Linie Partner für unsere Kunden sein. Wir sprechen auf Augenhöhe miteinander und bieten Lösungen, damit die Sanitätshäuser und Apotheken das tun können, was ihre Aufgabe ist: für Patientinnen und Patienten da zu sein und eine passende und zielgerichtete Versorgung sicherzustellen.
GP: Sie produzieren in Deutschland und betonen Qualität als zentrales Versprechen. Wie wirtschaftlich ist das noch angesichts steigender Produktionskosten und internationalen Wettbewerbs?
Dr. Bohnen: Das Thema Qualität ist eines unserer zentralen Versprechen an den Endverbraucher. Wir definieren Qualität als Wirkung und Optik des Produkts. Ein Strumpf muss seine Wirkung entfalten und einwandfrei verarbeitet sein. Dabei soll er noch möglichst gut aussehen. Durch unseren Qualitätsanspruch haben wir Druck auf den Kosten. Das macht es nicht einfacher für uns, ist aber zugleich ein Antrieb für uns, stetig über neue Wege nachzudenken. Der Produktionsstandort Deutschland ist für uns unverhandelbar, allein deshalb schon, weil wir Maßstrümpfe i.d.R. innerhalb von 48 Stunden produzieren und an den Versanddienstleister übergeben. Unser Anspruch an die Nachhaltigkeit unserer Produkte ist ein weiterer Faktor. Wir stecken eine Menge Zeit und Energie in die Entwicklung neuer Produkte, das schlägt sich natürlich auch auf der Kostenseite nieder. Aber gleichzeitig sammeln wir so wertvolle Erfahrungen. Es gibt Entwicklungsprojekte, die wir gestoppt haben (teilweise auch sehr nah an der Marktreife), da sie zum Zeitpunkt der Bewertung nicht wirtschaftlich waren. Solche Projekte haben wir dann im Köcher, wenn der Markt so weit ist und wir quasi aus dem Regal das fertige Projekt ziehen können.
GP: Nachhaltigkeit endet nicht beim Produkt. Wie sieht es in Ihrer Lieferkette und an Ihrem Produktionsstandort Bamberg aus – was tun Sie dort konkret für Umwelt und Klima?
Dr. Bohnen: Wir sind aufgrund unserer Konzernzugehörigkeit schon länger von den Berichtspflichten für Lieferketten betroffen. Diese monitoren wir auch unter Nachhaltigkeitsaspekten. Wir sehen positive Entwicklungen bei unseren Lieferanten, auch was Themen wie Energieeinsparungen betrifft. An den Standorten in Bamberg und in Glauchau heizen wir per Biomasse und haben auf grünen Strom umgestellt. Unsere letzte große Emissionsquelle ist unser Fuhrpark. Die Elektrifizierung der Flotte ist ein Projekt, das wir mit Augenmaß vorantreiben. Jedes Fahrzeug muss sich rechnen.
Börner: Bei elektrischen Autos, die im Außendienst eingesetzt werden sollen, spielt natürlich die Reichweite eine große Rolle. Allerdings kommt jetzt so langsam eine Generation an E-Autos auf den Markt, die eine immer größere Reichweite hat. Ein weiteres Thema sind Stromeinsparungen im Alltag. Im Standort in Bamberg haben wir bereits viele automatische Lichtsensoren und arbeiten weiterhin daran den Rest auch noch umzustellen, wo sinnvoll. Das spart automatisch Energie, weil niemand mehr vergessen kann, das Licht auszuschalten.
GP: Sie bieten ein breites Portfolio von Kompressionsstrümpfen über Bandagen bis zu Orthesen. Wo sehen Sie das größte Wachstumspotenzial – und gibt es Bereiche, aus denen Sie sich zurückziehen könnten?
Börner: Ich sag es jetzt mal klischeehaft: Wir haben all unsere Kinder lieb. Wir sind froh, dass wir mit unserem Produktportfolio so divers aufgestellt sind. Wir bedienen nicht nur unterschiedliche Indikationen, sondern mit unseren Marken wie Push oder Dynamics Plus im Bereich der Orthopädie auch unterschiedliche Preissegmente. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir im Markt noch viel Potenzial haben. Das ist auch der Grund, weshalb Fabian und ich so viel bei den Kunden vor Ort sind – denn am Ende entscheidet der Kunde. Genau diese Message wollen wir vermitteln: Wir hören zu, wir sind nah dran, und wir entwickeln unser Portfolio anhand der Bedürfnisse des Marktes weiter. Ich bin absolut euphorisch beim Thema Portfolio, weil ich denke, dass wir in den kommenden zwei, drei Jahren dort auf jeden Fall weiteres Wachstum generieren können. Deshalb sprechen wir aktuell nicht über Konsolidierung, sondern über den Ausbau unserer Produktlinien.
GP: Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Wo soll Ofa Bamberg in fünf Jahren stehen – und was muss passieren, damit Sie dieses Ziel erreichen?
Börner: Wir blicken erst einmal auf unser Jubiläumsjahr 2028, für das wir uns konkrete Ziele gesetzt haben. Wir haben einen Wachstumsplan und den Anspruch, unsere Marktposition auszubauen und zu der Marke zu werden, die das Sanitätshaus seinen Kunden automatisch empfiehlt. Dabei dürfen wir aber auch nicht den Blick auf unsere Organisation verlieren, die mit der Entwicklung mitwachsen muss. Das betrifft nicht primär die Anzahl der Beschäftigten, sondern auch und insbesondere die Frage, wie wir handeln und Entscheidungen treffen wollen.
Dr. Bohnen: Wir wollen nicht nur unsere Produkte stetig verbessern, sondern auch an unseren Serviceleistungen feilen. Die Digitalisierung sollte nicht nur der Treiber, sondern auch der Hebel für die nächste Stufe sein, die wir zünden wollen. Wir haben in den kommenden fünf Jahren auf jeden Fall noch einiges, das wir zeigen werden.