Die moderne Krampfadertherapie setzt auf den Erhalt der Venen, die später bei möglichen Herz- oder Gefäßoperationen als Bypass-Material dienen können. Anlässlich des Deutschen Venentags am 30. April 2016 sprach die Aktion Meditech mit dem Gefäßmediziner Prof. Dr. Achim Mumme, leitender Arzt am Venenzentrum Bochum, über die Chancen neuer Behandlungsmethoden. Mumme sammelte vor allem mit der extraluminalen Valvuloplastie Erfahrungen. Basis dafür sei eine immer bessere Ultraschalldiagnostik zur Beurteilung der Venenklappen.
Frage: Welche Behandlungsoptionen gibt es?
Prof. Dr. Achim Mumme: Die bisherigen Behandlungsoptionen beruhen im Wesentlichen auf einer Zerstörung bzw. Entfernung der krankhaft veränderten Venenabschnitte. Dies kann durch Hitze geschehen (Laser, Radiowellen), durch Chemikalien (Sklerosierung, Gewebekleber) oder mechanisch durch die so genannte Strippingoperation. Bei all diesen Methoden geht jedoch das Venenorgan verloren. Dies kann nachteilig sein, wenn zu einem späteren Zeitpunkt einmal eine Bypass-Operation erforderlich werden sollte. Für Bypass-Operationen am Herzen oder an den Beinarterien ist Venenmaterial unverzichtbar.
Neue Entwicklungen, wie die extraluminale Valvuloplastie, zielen auf eine venenerhaltende Therapie ab. Die venenerhaltende Therapie steht neuerdings im Fokus auch großer wissenschaftlicher Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. Dort wurde gerade eine Arbeitsgemeinschaft Venenerhalt ins Leben gerufen. Diese Arbeitsgemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, venenerhaltende Therapieverfahren weiter zu entwickeln.
Kompressionsstrumpf um die Vene
Frage: Seit 1994 behandeln Sie Patienten mit der extraluminalen Valvuloplastie. Worin besteht das Verfahren und welche Vorteile bietet es gegenüber den bisher gängigen Therapieansätzen?
Mumme: In den vergangenen Jahren hat es enorme Fortschritte gegeben in der Bildgebung. Moderne Ultraschallmaschinen ermöglichen es uns, nicht nur die erkrankte Vene, sondern auch die hauchdünnen Venenklappen darzustellen. Wir sehen die Venenklappen bei ihrer Funktion und können Funktionsstörungen differenziert beurteilen. Dieser technische Fortschritt versetzt uns in die Lage, Therapien vorzunehmen direkt am erkrankten Organteil, also im Bereich der Venenklappen. Durch die Reparatur der Venenklappen kann das gesamte Organerhalten bleiben.
Bei der Entstehung der Krampfadererkrankung ist eine Bindegewebsschwäche in der Venenwand ursächlich. In Folge der Bindegewebsschwäche "leiert" die Venenwand aus, wird weiter. Wenn ein Venendurchmesser von 7 mm erreicht wird, verlieren die Klappensegel ihren gegenseitigen Kontakt und können nicht mehr schließen. Der normale Durchmesser, bei dem die Venenklappen schließen, beträgt ungefähr 5 mm.Das Verfahren der extraluminalen Valvuloplastie basiert darauf, dass die erweiterte Vene wieder auf ihren physiologischen Durchmesser, d.h. 5 bis 6 mm, gebracht wird. Dies geschieht durch eine Ummantelung der Vene mit einer zarten Haut aus Polyurethan. Der elastische Kunststoff wirkt dabei wie ein Kompressionsstrumpf, der direkt um die Vene gelegt ist. Inzwischen gibt es eine Anzahl von Verlaufsstudien, die zeigen, dass auch langfristig die Erhaltung des Venenorganes mit dem Verfahren der extraluminalen Valvuloplastie gelingt. Die Rezidivraten liegen nicht höher als bei vergleichbaren ablativen Verfahren. Die Vorteile der Valvuloplastie bestehen darin, dass das Verfahren weniger invasiv ist als die ablativen Verfahren. Nervenverletzungen, wie sie bei Strippingoperationen oder bei der Anwendung von Hitzekathetern auftreten können, kommen bei der Venenklappenrekonstruktion nicht vor. Der wesentliche Vorteil ist aber die Erhaltung des Venenorganes. In anderen Bereichen der Medizin ist die organerhaltende Therapie schon weit verbreitet. Beispiele gibt es aus der Urologie (Prostataoperationen), aus der Gynäkologie (brusterhaltende Therapie) oder aus der Zahnheilkunde (zahnerhaltende Therapie).
Frage: Wann kann diese Methode eingesetzt werden?
Mumme: Bei weit fortgeschrittenen Stadien der Krampfadererkrankung sind nach wie vor die ablativen Verfahren unumgänglich. Bei weit fortgeschrittener Varikose sind nämlich die Venenklappen meistens zerstört. Das Verfahren der extraluminalen Valvuloplastie kann dann angewendet werden, wenn in einer speziellen Ultraschalluntersuchung festgestellt wird, dass die Ursache für die Krampfaderentstehung in einer Erweiterung der Vene bei an sich intakten Venenklappensegeln besteht.
Frage: Welche Patienten sind für die Behandlung nicht geeignet?
Mumme: Wie bereits ausgeführt, sind Patienten mit bereits zerstörten Venenklappen nicht für die Valvuloplastie geeignet. Geeignet sind Patienten mit intakten Klappensegeln, aber erweiterter Venenwand.
Frage: Wo sehen Sie zukünftig Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten der Medizintechnologie in der Phlebologie?
Mumme: Die Zerstörung oder Entfernung eines erkrankten Organes ist an sich archaisch, war aber so lange alternativlos, wie es keine Möglichkeiten der differenzierten Venenklappendiagnostik gab. Die enormen Fortschritte in der hochauflösenden Ultraschalldiagnostik haben dazu geführt, dass inzwischen auch die dünnen Klappensegel in ihrer Funktion beurteilt werden können. Dank ständiger Fortschritte in der Ultraschalldiagnostik werden die Möglichkeiten zur Visualisierung kleiner und kleinster Strukturen immer besser. Je mehr wir die feinen Strukturen erkennen können, desto besser werden auch die Behandlungsmöglichkeiten. Hier dringen wir immer weiter in einen Mikrokosmos vor, und je mehr sich dieser uns erschließt, desto besser werden auch die Behandlungsmöglichkeiten. Die Fortschritte in der Diagnostik haben also unmittelbare Konsequenzen hinsichtlich der therapeutischen Möglichkeiten. Die Zukunft in der Phlebologie und speziell in der Behandlung von Krampfadererkrankungen liegt sicher nicht in der archaischen Ablation des erkrankten Organes, sondern vielmehr in der differenzierten Behandlung zur Reparatur des erkrankten Organes. Gegenwärtig geschieht die Organerhaltung mit der Valvuloplastie durch einen kleinen operativen Eingriff. Neuere Entwicklungen gehen dahin, Materialien zu entwickeln, mit denen auf die Operation ganz verzichtet werden kann. Mit Hilfe einer ultraschallgesteuerten Injektion ließen sich die Ummantelungen der Vene auch perkutan vornehmen. Allerdings müssen die entsprechenden Materialien noch entwickelt werden.