GP: Digitalisierung und datenbasierte Versorgung gewinnen an Bedeutung. Welche Rolle spielen digitale Lösungen oder smarte Orthesen in Ihrer Zukunftsstrategie?
Dehmel: Deutschland ist bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen leider eher rückständig. Wir lernen hier viel von anderen Ländern, etwa den nordischen, wo digitale Kommunikation und Bestellprozesse aufgrund der geografischen Distanzen schon lange etabliert sind. Wir bieten unseren Partnern bereits heute digitale Schulungskonzepte oder End-to-End Bestell-Lösungen. Darüber hinaus sind auch smarte Orthesen und digitale Messsysteme ein klares Zukunftsfeld. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass wir uns den Luxus, auf Gesundheitsdaten nicht zurückzugreifen, nicht mehr leisten können. Die digitale Patientenakte kann Leben retten und die Versorgung effektiver, schneller und günstiger machen. Wir müssen den Beweis antreten, dass wir mit den Daten die Versorgungsqualität verbessern können. Und dann sollten wir wie viele andere Länder diesen Weg konsequent gehen.
GP: Wie positioniert sich Thuasne beim Thema Nachhaltigkeit – sowohl in der Produktion als auch in der Lieferkette?
Dehmel: Nachhaltigkeit ist als einer unserer Werte fest in der Unternehmensstrategie verankert und keine Marketing-Maßnahme. Wir haben eine „2030 Roadmap“ mit klaren Zielen zur Reduzierung unseres CO₂-Fußabdrucks. Der größte Hebel liegt mit 53 Prozent bei den Materialien. Wir investieren gezielt in erneuerbare Energien, zum Beispiel in 7.000 Quadratmeter Photovoltaik auf unseren Produktionsstätten oder in die Wasserwiederaufbereitung beim Färben von Garnen. Wir setzen in der Gruppe zunehmend auf recycelte oder natürliche Fasern wie Leinen und Bambus. Auch unser neues Bürogebäude in Hannover ist als „Smart Office“ konzipiert, um Energie zu sparen. Zudem haben wir viele etablierte Sozialprojekte in der Umsetzung. Für uns als Unternehmen der Gesundheitsbranche ist diese soziale und ökologische Verantwortung eine Selbstverständlichkeit. Junge Bewerber fragen gezielt danach, und wir sind froh, ein strukturiertes und erlebbares Konzept vorweisen zu können.
GP: Wie bewerten Sie die regulatorischen Entwicklungen?
Dehmel: Die Regulatorik, ist leider zu einer echten Innovationsbremse geworden. Der bürokratische und finanzielle Aufwand für Produktneuzulassungen ist extrem hoch und steht oft in keinem Verhältnis zum Mehrwert. Ironischerweise ist die FDA-Zulassung in den USA mittlerweile einfacher zu bekommen als eine Hilfsmittelnummer in Deutschland. Das führt in letzter Konsequenz dazu, dass manche hochinnovativen Produkte zum Leidwesen vieler Patienten den deutschen Markt gar nicht erst erreichen. Das ist natürlich besonders bitter, wenn es um hochspezifische Versorgungen mit wenig Therapiealternativen geht. Wir brauchen sichere Produkte, keine Frage, aber die Regulatorik ist mittlerweile zu einem echten Wettbewerbsnachteil verkommen und das müssen die maßgeblichen Behörden erst einmal verantworten.
GP: Welche Veränderungen wünschen Sie sich seitens der Politik, um Innovation und Versorgungsqualität stärker zu fördern?
Dehmel: Grundsätzlich müssen wir die Patient Journey neu definieren, das zukünftige System, schmerzlich von Sparzwängen betroffen, muss sich den Patienten anpassen. Wir brauchen wieder Vertrauen in das Gesundheitssystem und Wettbewerb für Qualität und nicht für Kosten. Schnellere Zulassungs- und Erstattungsverfahren sowie eine radikale Entbürokratisierung sind ein absolutes Muss. Die Erstattungspreise, die teils seit 20 Jahren stagnieren, müssen dynamisch ausformuliert werden, gerne indexgebunden. Zudem brauchen wir eine Öffnungsklausel für Krisenzeiten. Ganz wichtig ist die Förderung präventiver Versorgungsformen wie der „Prähabilitation“. Wenn wir Patienten schon vor einer OP gezielt vorbereiten, können wir die Reha-Zeiten verkürzen und das Sozialsystem entlasten. Mittelfristig muss sich die Gesundheitspolitik zudem intensiv mit einer intersektoralen Vergütung auseinandersetzen.
GP: Wie reagieren Sie auf die Ambulantisierung und die stärkere Vernetzung im Gesundheitswesen?
Dehmel: Die Forderung nach mehr Ambulantisierung ist meines Erachtens der richtige Weg. Kein Patient muss mit heutigen OP-Techniken nach einer Kreuzband-OP noch zwei Wochen im Krankenhaus liegen. Die Verlagerung von Krankenhausbehandlungen in den niedergelassenen Bereich erkauft man sich möglicherweise mit kürzeren Nachsorgezyklen und potenziellen Qualitätsminderungen. Diese Entwicklung stellt aber neue Anforderungen an unsere Produkte. Ideal wären multifunktionale Lösungen, die zum Beispiel postoperativ immobilisieren, später mobilisieren, komprimieren und kühlen. Technisch ist das machbar, aber das deutsche Erstattungssystem bildet solche Produkte nicht ausreichend ab. Hier müssen wir als Hersteller gemeinsam mit Ärzten und Politik Lösungen finden. Wir unterstützen den Prozess, indem wir Patienten digitale Hilfen wie Therapieanleitungen per QR-Code oder Tutorials zur Verfügung stellen, damit sie auch zu Hause gut versorgt sind.
GP: Welche Rolle spielt die Internationalität von Thuasne für deutsche Handelspartner?
Dehmel: Unsere deutschen Partner profitieren direkt von unserer globalen Innovationskraft. Wir lernen aus den Erfahrungen anderer Länder und können diese, wenn sinnvoll, auf Deutschland übertragen. Ob es um digitale Prozesse aus den nordischen Ländern, Modetrends aus Frankreich oder Expertisen aus England geht – wir müssen das Rad nicht immer neu erfinden. Deutschland ist nicht immer das Pilotland für neue Produkte. Das gibt uns die Möglichkeit, von den Anfangsfehlern anderer zu lernen und ausgereiftere Lösungen anzubieten. Diese gelebte Internationalität und der enge Austausch zwischen den Ländern sind unsere großen Stärken.
GP: Wenn wir in fünf Jahren erneut sprechen: Woran würden Sie messen, dass Ihre Strategie in Deutschland erfolgreich war?
Dehmel: Erfolg messen wir an mehreren Faktoren. Natürlich an klassischen Kennzahlen wie Marktanteil und daran, ob mehr Sanitätshäuser und Patienten Thuasne als relevanten Partner wahrnehmen. Aber es geht um mehr: Haben wir einen besseren Zugang zu Ärzten und Kliniken? Wertschätzen die Akteure im Markt unsere Leistung und unseren partnerschaftlichen Ansatz? Haben wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreicht? Und ganz entscheidend: Sind wir als Unternehmen weiterhin profitabel genug, um in Innovation, Studien zur medizinischen Wirksamkeit und in die Zukunft investieren zu können? Letztlich geht es darum, langfristig eine qualitativ hochwertige Versorgung sicherstellen zu können. Inwieweit wir aus dem Schatten der Erstattungsfähigkeit mancher Hilfsmittel heraustreten müssen, wird sich zeigen. Das Patientenverhalten wird sich ändern und darauf müssen wir alle – Hersteller und Versorger – vorbereitet sein. Auch müssen wir uns aus der politischen Abhängigkeit freischwimmen und dürfen nicht darauf vertrauen, dass jemand anderes unsere Probleme löst. Die Zeit des Wartens ist vorbei.