Für Generationen von Mittelhessen war das Schuhhaus Darré am Selterstor eine feste Adresse. Nun gibt es Ideen, wie das Gebäude im Herzen von Gießen eine neue Rolle übernehmen könnte: Statt Schuhmode könnten künftig Gesundheit, Prävention und Lebensqualität im Mittelpunkt stehen. Der frühere Darré-Geschäftsführer Heinz-Jörg Ebert hat seine Vision eines „Hauses der Gesundheit“ jetzt öffentlich vorgestellt.
„Wir wollen neue Wege gehen, abseits der Schuhbranche“, sagt Ebert. Nach der Schließung des traditionsreichen Schuhhauses Ende 2025 habe sich die Familie intensiv mit möglichen Nachnutzungen beschäftigt. Unter anderem sei die Entwicklung eines KI-Zentrums in der Universitätsstadt geprüft worden. Die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie hätten jedoch eine andere Richtung aufgezeigt: „Klare Empfehlung: moderne Gesundheit“, so Heinz-Jörg Ebert.
Dabei knüpft die Idee an die Historie des Hauses an. In den oberen Etagen waren bereits ein Orthopäde sowie eine große Krankenkasse beheimatet. Jetzt sind hier z.B. Gesundheitsdienstleister ansässig, darunter die breit aufgestellte psychotherapeutische Ambulanz der Universität, eine physiotherapeutische Praxis sowie eine Ausbildungsstätte für Pflegeberufe. Auch die aktuelle Analyse kommt zu dem Schluss, dass eine gesundheitsorientierte Nutzung die chancenreichste Zukunftsperspektive bietet.
Ausdrücklich soll am Selterstor jedoch kein klassisches Ärztehaus entstehen, betont Ebert. Stattdessen schwebt ihm ein offenes Konzept vor, das Medizin, Prävention, Forschung, Bildung, Therapie und Gesundheitsdienstleistungen miteinander verknüpft. Die Nähe zur Universität und dem Klinikum sei dabei ein wichtiger Faktor. „Wir wollen der Gesundheit ein repräsentatives Gesicht an einer der zentralsten und sichtbarsten Stellen der Innenstadt geben“
Aktuell befindet sich das Projekt noch in der Ideenphase. „Wir haben jetzt einen Stein ins Rollen gebracht, um zu schauen, ob jemand mitzieht. Wir sind da sehr offen“, sagt der frühere Schuhhändler. Wir sprechen mit Investoren, Betreibern und weiteren Partnern, die das Konzept gemeinsam weiterentwickeln möchten.
Für Ebert ist das Vorhaben zugleich ein Beispiel für die Zukunft der Innenstädte. „Die Menschen aus dem Umland kommen heute nicht mehr allein nur für den Handel in die Stadt“, sagt er. Innenstädte müssten deshalb deutlich multifunktionaler gedacht werden. „Der Handel als lebendiger Marktplatz hat eine Riesenchance, wenn er von anderen Angeboten – Kultur, Bildung, Wohnen, Gastro und Dienstleistungen – flankiert wird.“
Dass neue Konzepte funktionieren können, sieht der Unternehmer bereits in Gießen. Von den durch Corona, Verkehrsversuch und Fernwärmeverlegung geprägten Leerständen des vergangenen Sommers sei inzwischen nahezu der komplette Seltersweg – die mittelhessische Einkaufsmeile Nr. 1 – durch Neuansiedlungen und Umwidmungen neu belebt. Jetzt gilt es, das ehemalige Darré-Haus mit einem neuen Ansatz zu konzipieren.
Die Resonanz fällt offenbar positiv aus. An den Schaufenstern des früheren Schuhhauses erläutern großflächige Plakate die Idee eines Gesundheitszentrums. „Da stehen die Leute in einer Reihe und lesen sich das durch“, berichtet Ebert. Erste Rückmeldungen und Anregungen – auch aus der Politik und dem Gesundheitswesen – seien bereits eingegangen. Nun gehe es darum, Ideen zu bündeln und Akteure miteinander zu vernetzen. „Wir versuchen über Schwarmintelligenz etwas ins Rollen zu bringen.“
Auch baulich ist alles noch offen. Denkbar seien sowohl einzelne Nutzungseinheiten als auch gemeinschaftlich genutzte Bereiche wie eine zentrale Rezeption, ein Café oder Veranstaltungsflächen. Das ehemalige Schuhhaus könnte damit zu einem neuen Anziehungspunkt in der Gießener Innenstadt werden – diesmal nicht für Schuhe, sondern für Gesundheit und Lebensqualität. Dabei nimmt sich die Unternehmerfamilie Ebert Zeit: „Wir haben uns kein Limit gesetzt, und entwickeln parallel weiter“, sagt Heinz-Jörg Ebert. Und bis ein neues Konzept realisiert wird, sind im früheren Schuhhaus verschiedene Pop-up-Angebote und Veranstaltungen geplant.