„Hilfsmittel als Enabler der Ambulantisierung“ – unter diesem Titel wurde über die Herausforderungen der Hilfsmittelbranche und das Ende des Denkens in einzelnen Sektoren und Budgettöpfen diskutiert. Dem Handlungsbedarf aus Sicht der Hilfsmittelhersteller stellte sich Franz Knieps, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des BKK-Dachverbandes.
Der Eurocom-Vorsitzende Jürgen Gold warnte in seiner Begrüßungsrede eindringlich vor den Folgen des eng getakteten Beitragssatzstabilisierungsgesetzes. Die strikte Bindung der Versorgungsverträge an die Grundlohnrate, zusätzliche Kürzungen um einen Prozentpunkt bis 2029 sowie ein pauschaler dreiprozentiger Abschlag in den Jahren 2027 und 2028 auf alle Versorgungen gingen weit über das postulierte Prinzip der einnahmenorientierten Ausgabenpolitik hinaus – und verschärften die ohnehin schon hohe Kostenlast für die mittelständisch geprägte Hilfsmittelbranche erheblich. Jürgen Gold betonte: „Es kann nicht ewig gespart werden. Die geplanten Einsparungen schränken den finanziellen Spielraum für uns Hersteller weiter spürbar ein – mit Folgen für Produktion, Investition und Innovation am Standort Deutschland. Denn wir Hersteller stecken solche Einschnitte nicht so leicht weg wie etwa internationale Pharmakonzerne. Am Ende leidet darunter die Versorgung der Patientinnen und Patienten.“
Konkreter Nutzen
Wie unverzichtbar medizinische Hilfsmittel für das Gesamtsystem sind, verdeutlichte Eurocom-Geschäftsführerin Oda Hagemeier an konkreten Krankheitsbildern. So könne beispielsweise bei einer ausgeprägten Gonarthrose der gezielte Einsatz moderner Orthesen eine Operation nachweislich vermeiden oder zumindest weit hinauszögern. Bei der Behandlung eines Ulkus cruris venosum sei eine konsequente medizinische Kompressionstherapie der Schlüssel zur Abheilung. Sie sichere die Mobilität der Betroffenen und verhindert direkt den Eintritt in dauerhafte Pflegebedürftigkeit. „Wir müssen Hilfsmittel als Enabler begreifen“, forderte Oda Hagemeier. „Sie machen stationäre Behandlungen zu ambulanten Leistungen, halten Menschen im eigenen Zuhause mobil und entlasten damit die Pflege und die Krankenkassen massiv. Jeder Euro, der hier weggespart wird, verursacht an anderer Stelle im System ein Vielfaches an Kosten.“
Was das neue Hilfsmittelgesetz bringen muss
Angesichts dieser Argumente nahm die Debatte über den politischen Handlungsbedarf insbesondere das für Ende des Jahres avisierte neue Hilfsmittelgesetz sowie die anstehenden strukturellen Reformempfehlungen der Finanzkommission Gesundheit in den Blick. „Diese können erst dann als gelungen gelten, wenn sie echte Prozessverbesserungen im Sinne der Patientinnen und Patienten bringen. Das setzt voraus, die Hilfsmittelversorgung besser zu verstehen und ganzheitlich zu betrachten – auch im Hinblick auf ihre Kosten“, erklärte Jürgen Gold. „Der Einsatz von Hilfsmitteln führt zu einer Kostenersparnis etwa im Bereich der stationären Pflege, die vermieden oder hinausgezögert werden kann. Das muss sich auch im kommenden Hilfsmittelgesetz widerspiegeln.“
Sektorendenken überwinden
Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass das starre Denken in getrennten Leistungsbereichen und Finanztöpfen der Krankenkassen beendet werden müsse. Franz Knieps skizzierte den Weg zu einer patientenorientierten, sektorenübergreifenden Versorgung verhalten optimistisch: „Das Denken in Leistungsbereichen verhindert eine moderne, am Patienten ausgerichtete Versorgung. Unser Sozialversicherungssystem ist auf Kosten angelegt und nicht darauf, Gesundheitsziele entlang der Patient Journey zu verfolgen. Um Sektorendenken zu überwinden, bedarf es einer Veränderung des strukturellen Rahmens. Umso wichtiger ist es, im Dialog mit der Gesundheitspolitik auf das Mantra der guten Argumente zu setzen, um eine im Sinne der Versicherten gelingende Strukturreform und Prozessverbesserungen anzustoßen.“