Wie ist die Idee zu einem neuartigen und digitalen Bestattungsunternehmen entstanden?
Björn Wolff: Im Sanitätshaus als auch im Bestattungswesen sind die behandelten Themen ‚Krankheit und Sterben‘ stark mit Tabus behaftet. Wir sind damit angetreten, dieses Tabu zu brechen, um einen offenen Umgang mit dem Tod zu ermöglichen. Das versuchen wir seit Anfang an, das Wichtigste dabei ist die offene Kommunikation. Mit unseren Boutiquen möchten wir zudem gestalterisch eine offene Herangehensweise anwenden und den Sachverhalt ganz anders präsentieren, als die Menschen es sonst erwarten. Die Transparenz, die wir online haben, wollen wir auch in unseren Ladengeschäften zeigen. Wir möchten dem Kunden einen anderen Weg vorstellen, einen der zeitgemäß ist.
Der Tod ist weitergehend ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Inwiefern hat sich der Umgang mit dem Sterben in den vergangenen Jahren verändert?
Björn Wolff: Der Kunde hat sich weiterentwickelt, aber der Markt ist stehengeblieben. Wir wollten das Gap dazwischen schließen. Besonders auffällig war der Mangel an digitalen Angeboten. Die Gesellschaft ist digital geworden, aber der Bestattungsmarkt ist da nicht hinterhergekommen. Dabei geht es um so einfache Dinge wie der Frage nach den Kosten oder wie man eine Beerdigung überhaupt plant. In den ersten Jahren haben wir daran gearbeitet, ein digitales Produkt in diesem Markt aufzubauen. Einige der Dienstleistungen, die wir selbst nicht anbieten konnten, haben wir eingekauft. 2019 haben wir den gesamten Prozess auf ein Inhouse-System umgestellt, so dass nun alles unter einem Dach stattfinden kann. Da wir zugleich in Filialen dachten, haben wir dezentrale Führungsteams für die verschiedenen Standorte aufgebaut. Irgendwann kam die Frage auf, wie wir unsere digitale Offenheit in die Offline-Welt übersetzen können. Das war der Startschuss für unsere Boutiquen. Diese finden sich in vielen größeren deutschen Städten wie Hamburg, München, Frankfurt, Leipzig, Köln und Nürnberg. Die Boutiquen liegen in 1A- bzw. 1B-Lagen, also dort, wo Laufkundschaft vorbeikommt. Zudem haben wir angefangen, bestehende Bestattungshäuser aufzukaufen und diese in unsere digitalen Strukturen zu integrieren. Daraus hat sich ein deutschlandweit operierendes größeres Unternehmen entwickelt.
Wieso werden die stationären Geschäfte Boutiquen genannt? Was sagt diese Bezeichnung aus?
Björn Wolff: Unsere Boutiquen finden sich in Großstädten. Sie zeichnen sich durch eine offene Architektur und eine moderne Herangehensweise an das Thema Bestattungsinstitut aus. Die Menschen sollen neugierig werden und sich wohlfühlen. In den Boutiquen befinden sich zudem über 100 kuratierte Produkte, die der Kunde mitnehmen kann. Das geht von Joe Bidens Buch über den Verlust seines Sohnes über verschiedene Duftkerzen bis zu besonders gestalteten Trauerkarten. Wir haben beispielsweise eine Karte, auf der schlicht ‚Fuck Cancer‘ steht. Das passt vielleicht nicht in die breite Masse, findet aber seine Zielgruppe. In den Boutiquen haben wir zudem Self-Service-Bereiche, in denen die Menschen sich über Vorsorge informieren können. Wenn die Kunden es wollen, können sie diese natürlich auch direkt bei uns abschließen. Mit der Standortwahl der Boutiquen verdeutlichen wir auch, dass jeder Mensch ein potenzieller Kunde ist. Traditionell erwartet man Bestattungshäuser in der Nähe von Friedhöfen oder Altenheimen, aber im Prinzip muss jeder einmal eine Bestattung planen. Sich da offen und ansprechend aufzustellen, scheint da nur logisch.
Das gesamte Interview finden Sie im Gesundheitsprofi Ausgabe 11/22.