Neben Brustprothesen versorgen Sie auch Kompression. Wieso?
Bauer: Weil wir ganzheitlich denken und arbeiten. Brustoperierte Frauen entwickeln sehr häufig nach der axillären Lymphknotenentfernung ein Arm- oder Brustwandlymphödem. Hier sind Brustbandagen und maßgefertigte Armstrümpfe ein Teil der therapiebedingten Nebenwirkungen. Somit lindern wir u. a. die Schmerzen der Patientinnen an ihren geschwollenen Armen und der Brust. Wir machen aufmerksam und sprechen mit den Ärzten. Diese wissen zum Teil nicht, welche Hilfsmittelmöglichkeiten es gibt und sind dankbar, dass wir darauf hinweisen. In unserem Netzwerk arbeiten wir eng mit den Ärzten, Physiotherapeuten und Patientinnen zusammen. Dadurch wird ein Ödem häufig frühzeitig entdeckt und es kommt nicht zu dauerhaft bleibenden Schäden.
Sie betonen den Begriff „ganzheitlich“. Was unterscheidet Ihren Ansatz von einer rein funktionalen Versorgung mit Hilfsmitteln?
Bauer: Im Unterschied zu vielen Sanitätshäusern, die die Brustprothetik als kleine Nische mitversorgen, haben wir uns radikal spezialisiert. Die Frauen kommen zu uns und haben ein Geschäft nur für sich. Wir haben alle BHs, Lymphbandagen und Prothesen immer in allen Größen vorrätig, damit wir nicht bestellen müssen. Sie kennen das vermutlich aus dem Onlinehandel – man bestellt eine schöne Bluse und beim Anprobieren sitzt sie nicht so wie erwartet. Wir haben den Anspruch, dass die Patientin beim ersten Termin komplett versorgt nach Hause geht. Wir sprechen mit der Patientin darüber, was sie sich wünscht und welche Funktion sie sich vom BH wünscht. Ob mit Schale oder ohne, ob sie Spitze wünscht, welche Farbe… Wir möchten den Frauen das Gefühl geben, dass sie ganz normal shoppen gehen. Bei uns gibt es dann auch das passende Unterteil dazu, damit alles stimmig wirkt. Bei den Terminen sind dann oftmals auch Freundinnen oder Töchter dabei, die beraten. Oder die Ehemänner, die übrigens sehr froh sind, wenn sie ihren Frauen bei uns Geschenke kaufen und es direkt passt, weil alles vermessen und dokumentiert wurde. Wir wollen den Frauen die Scham und Angst nehmen, mit einem Kaffee und hervorragender Beratung!
Wie gehen Sie und Ihr Team auf die Patientinnen ein?
Bauer: Wir schauen uns genau an, in welchen Lebensumständen sie sich befinden. Wie alt sind sie? Haben sie eine Familie? Haben sie einen Job? Wenn ja, welchen Job haben sie? Das sind alles relevante Fragen, die die Versorgung beeinflussen. Eine 20-Jährige hat andere Anforderungen an einen BH als eine 70-Jährige. Nicht nur, was das Material und das Aussehen angehen. Bei einer älteren Patientin müssen wir auch darauf achten, ob sie körperliche Einschränkungen hat und vielleicht einen BH, der an der Vorderseite geschlossen wird, benötigt. Bei Frauen, die im Berufsleben stehen, fragen wir auch, ob sie an Orten mit starker Geruchsentwicklung arbeiten. Denn die Prothesen nehmen leider den Geruch an. Und niemand möchte im Sommer, wenn durch die Wärme Gerüche freigesetzt werden, auf einmal nach Stall oder Frittierfett riechen. Die Patientinnen sind wahnsinnig dankbar, wenn wir sie darauf aufmerksam machen, weil sie das bei den Ärzten und den Krankenkassen nicht gesagt bekommen.
Also spielen Themen wie Sexualität, Partnerschaft oder Berufsleben eine Rolle in den Gesprächen?
Bauer: Durchaus! Denn die Erkrankung und die Versorgung betreffen das gesamte Leben der Patientinnen. Ganz häufig unterstützen wir auch bei banalen Themen wie Anträge von Behindertenausweisen oder Leistungen von der Krankenkasse. Ein Sozialdienst kann diese Fragen sicher besser beantworten, aber wir bieten den Patientinnen Optionen und Wege. Dass Prothesen Gerüche annehmen können, wirkt sich dann auch auf die Sexualität aus. Denn niemand riecht gerne unangenehm.
Sie sind auf Instagram unter @kraftvoll.weiblich aktiv. Warum ist Ihnen die Präsenz in sozialen Medien wichtig?
Bauer: In allererster Instanz geht es uns um Aufklärung. Wir haben durch unseren Instagram-Auftritt so viele Anfragen über unser eigentliches Einzugsgebiet hinaus, dass wir inzwischen auch Beratung per Videotelefonie anbieten. So können uns Menschen, die in Heidelberg, Hamburg oder München leben, ihre Themen beschreiben, und wir können helfen. Für uns ist die größte Stellschraube, zu zeigen, was es an verschiedenen Hilfsmitteln gibt. Denn leider wissen Frauen selbst in großen Städten mit hoher Sanitätshausdichte nichts darüber, und das ist erschreckend. Die Krankenkassen übernehmen die Leistung, aber wenn die Ärzte diese aus Unwissenheit nicht verschreiben, müssen die Patientinnen mit ihren Nebenwirkungen der Therapie leben. Bei uns haben sich schon viele erkrankte Frauen gemeldet und gesagt, dass sie ohne uns nicht gewusst hätten, was ihnen zusteht.
Das Thema Hilfsmittelversorgung bei Brustkrebs spielt in der Öffentlichkeit keine große Rolle…
Bauer: Die Versorgung ist in der großen Hilfsmittelbranche ein Nischenthema, das jedoch ein riesiges Potenzial hat, wenn man den Markt ausschöpfen würde. Wir reden davon, dass jede sechste bis achte Frau einmal in ihrem Leben von Brustkrebs betroffen ist. Mit den Nachversorgungen haben wir ein wahnsinniges Potenzial. Allerdings fehlt es an Aufklärung. Bei Erkrankungen wie einem Lip- oder Lymphödem an den unteren Extremitäten wird durch die Hersteller viel Aufklärung betrieben. Die investieren in Influencerinnen, die über das Thema öffentlich reden. Und in den Arztpraxen kennt man zwar jeden Pharmavertreter, aber Vertreter, die mit den Ärzten über Brustprothesen reden, sucht man vergeblich.
Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell in Ihrer Branche – sei es wirtschaftlich, bürokratisch oder gesellschaftlich?
Bauer: Meine Vision für die Branche ist, dass wir wie in der Medizin Leitlinien haben. Die Hilfsmittelversorgung muss standardisierter ablaufen, damit wir die Patienten besser versorgen können. Das sieht man am Beispiel der entfernten Lymphknoten bei der Brustoperation. Wenn das Sanitätshaus von vornherein mit in den Versorgungsprozess eingebunden wird, bekommt die operierte Frau systematisch einen Armstrumpf. Die Hilfsmittel müssen in die medizinischen Leitlinien aufgenommen werden. Das würde den Frauen viel Leid und therapiebedingte Nebenwirkungen ersparen. Natürlich ist es eine Menge Arbeit und bindet Ressourcen, wenn die Brustzentren oder Arztpraxen das bei sich einbinden müssen. Ich habe die Vision, dass wir in zehn Jahren Standards definiert haben, und die Patientinnen überall in Deutschland Zugang zu einer guten Versorgung haben.