GP: Wie ist Ihr Start in der Amoena-Geschäftsleitung verlaufen?
Stephanie Bauch: Da ich seit 2019 im Unternehmen bin, kannte ich die Herausforderungen und Aufgaben bereits. Es war kein Neustart mit einer Anlernphase. Ich konnte mit meinen Teams an Projekten weiterarbeiten. Was mich persönlich gefreut hat, war die positive Resonanz von vielen Kunden darauf, dass das Thema Brustkrebs nun auch mit einer Frau an der Führungsspitze vertreten ist. Es war ein schönes Feedback zum Start in dieser neuen Rolle.
GP: Welche strategischen Änderungen haben Sie in den ersten Monaten vorgenommen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu verbessern, und welche Ergebnisse haben Sie bisher erzielt?
Bauch: Wir haben in den vergangenen Monaten viel vorangetrieben und strategische Themen implementiert. Strategie wird bei Amoena schon immer gemeinsam gedacht und umgesetzt. Oliver Dörner, Sonja Leppelmann und ich haben nahezu zur gleichen Zeit bei Amoena gestartet. Wir haben das Unternehmen deutlich medizinischer aufgestellt. Durch die Ausweitung unserer Recovery Care Linie bieten wir betroffenen Frauen direkt nach der Operation die Möglichkeit, mit optimalen Produkten für die Wundheilung versorgt zu werden. Dadurch kommen Sanitätshäuser zu einem viel früheren Zeitpunkt mit den Frauen in Kontakt und können eine langjährige Kundenbeziehung aufbauen. Wir haben unser Portfolio zudem um das Indikationsfeld Lymphödem erweitert. Dieses Feld hatten wir vorher nicht abgebildet, dabei tritt ein Lymphödem bei 30 bis 40 Prozent der an der Brust operierten Frauen auf. Mit dem erweiterten Produktportfolio sind wir der einzige Anbieter, der betroffene Frauen ganzheitlich auf ihrem Weg der Heilung und Genesung mit optimal aufeinander abgestimmten Produkten unterstützt. Dieser ganzheitliche Ansatz, mit höchsten Ansprüchen an die Qualität und Innovationskraft, zeichnet uns heute aus. Die Resonanz, gerade zu den neuen Produkten, ist unglaublich positiv.
GP: Meinen Sie damit das Feedback aus den Sanitätshäusern, Kliniken oder von Patientinnen?
Bauch: Die positive Resonanz kommt von allen drei Seiten. Wir hören das von unseren Kunden, den Sanitätshäusern. Auch die Brustversorgerinnen sind begeistert von unseren Produktlösungen. Wir hören oft: Genau danach haben wir seit Jahren gefragt. Die positive Rückmeldung kommt auch von betroffenen Frauen, mit denen wir zusammenarbeiten und die wir in die Produktentwicklung einbinden.
GP: Sie sind bereits seit über fünf Jahren für Amoena tätig. Auf welche Entwicklung in dem Zeitraum sind Sie besonders stolz?
Bauch: Es gab Jahre, in denen Amoena den Kontakt zum Markt und damit auch zu den Bedürfnissen der Kunden aus den Augen verloren hat. Doch es sind die Sanitätshäuser und die Brustversorgerinnen, die unsere Produkte anpassen, die beraten und optimal versorgen. Das haben wir geändert. Wir sind nun mehr im Austausch mit unseren Kunden. Wir hören ihnen zu. Die Anregungen lassen wir in die Entwicklung von Produkten und verkaufsunterstützenden Maßnahmen einfließen. So helfen wir unseren Kunden im Bereich Brustversorgung weiter zu wachsen und noch mehr Frauen optimal zu versorgen. Das Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft. Gemeinsam möchten wir dies realisieren. Auch innerhalb des Unternehmens haben wir die Kultur verändert. Für den Erfolg ist es wichtig, dass wir alle ein gemeinsames Ziel haben und bereichsübergreifend an Lösungen arbeiten. Dafür ist ein offener und wertschätzender Austausch wichtig, Vertrauen und Raum für Ideen und neue Ansätze. Aber auch die Möglichkeit Fehler zu machen und aus diesen zu lernen. Nur so entwickeln wir uns weiter. Jeder Einzelne ist für den Erfolg wichtig. Unsere Schulungen haben wir komplett neu aufgerollt. Wir haben vor vier Jahren eine Trainingsakademie entwickelt. Die Online-Module sind mittlerweile in acht Sprachen verfügbar und haben in Kombination mit den Präsenzschulungen eine tolle Wirkung.
GP: Wo sehen Sie aktuell Herausforderungen für die Versorgung von brustoperierten Frauen?
Bauch: Jährlich erhalten in Deutschland rund 70.000 Frauen die Diagnose Brustkrebs. Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Die WHO hat mit einer Studie im September 2023 prognostiziert, dass bis 2040 die Rate an Brustkrebs-Diagnosen um 40 Prozent steigen wird. Die wenigsten betroffenen Frauen wissen, dass es nach einer Mastektomie oder brusterhaltenden Operation Produkte gibt, die ihnen ihre Silhouette wieder zurückgeben und sich so natürlich anfühlen. Die Prothesen helfen, die Symmetrie wieder herzustellen und mit dem Ungleichgewicht verbundene Nebenwirkungen zu reduzieren – ohne eine weitere Operation. Dass zwei bis drei Jahre nach der Operation im Brust- und Thoraxbereich ein Lymphödem auftreten kann, ist vielen nicht bekannt. Hier können speziell angefertigte Kompressions-BHs in Kombination mit einer Teil- oder Vollprothese den Lymphfluss unterstützen. Aufklärung ist ein Riesenthema. Wir hören viel zu häufig: „Hätte ich das nur früher gewusst.“ Hier müssen wir ansetzen. Allein ist es schwierig, diese Herausforderung anzugehen. Aber in der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den Fachhändlern können wir einiges bewirken und Ärzte, Krankenkassen sowie Breast-Care-Nurses informieren. Der Bedarf und das Interesse an Informationen über Produkt- und Versorgungsmöglichkeiten sind sehr hoch. Durch die Möglichkeit, die Patientin ganzheitlich zu versorgen, auftretende Folgeerkrankungen mit abzudecken und eine langjährige Kundenbeziehung aufzubauen, ist die Brustversorgung zwar in einigen Häusern ein Nischenthema, aber eines, in dem sie sich als Kompetenzpartner für Frauen hervorheben können. Wir möchten mit innovativen Produktlösungen auch künftig Maßstäbe in der Brustversorgung setzen und das Bewusstsein von betroffenen Frauen schärfen.
GP: Welche langfristigen Pläne haben Sie für das Unternehmen nach den ersten Monaten und wie planen Sie, diese umzusetzen?
Bauch: Die betroffene Frau und ihre optimale Versorgung stehen für uns im Mittelpunkt. Der Trend geht in der Operationsmethodik zur brusterhaltenden Operation. Die Ergebnisse sind jedoch leider oft nicht so perfekt, wie man sich das vorstellt. Es gibt häufig, direkt nach der Operation oder zwei bis drei Jahre später, ein Ungleichgewicht zwischen den Brüsten. Teilweise bis zu zwei Körbchengrößen, was wiederum Nebenwirkungen wie Haltungsschäden und Verspannungen herbeiführt. Leider ist das Bewusstsein in diesem Bereich zu Produktlösungen und Teilprothesen kaum ausgeprägt. Das führt dazu, dass diese Frauen nach der Operation nicht mehr versorgt werden. Auch hier müssen wir ansetzen. Darüber hinaus wird sich das Portfolio auch künftig weiterentwickeln und an den Bedarf anpassen. Wir haben ein großartiges Forschungs- und Entwicklungsteam, das Produkte entwickelt, die optimal auf den Bedarf betroffener Frauen abgestimmt sind und die Brustversorgung neu definieren. Das wird auch künftig unser Ziel sein. Wachstumsfelder für uns als Unternehmen sehen wir zudem geographisch und in der Kooperation mit anderen Unternehmen. Die Zusammenarbeit „better together“ mit Ofa ist ein schönes Beispiel dafür. Die Kooperation ermöglicht es, die Versorgung betroffener Frauen noch weiter zu fassen, bereichert beide Unternehmen und stellt einen Mehrwert für die Sanitätshäuser dar.
GP: Wie bewerten Sie persönlich Ihre Performance und Führung in der ersten Zeit in der Geschäftsführung und welche Lektionen haben Sie aus dieser Zeit gelernt, die Sie in Ihre zukünftige Arbeit einfließen lassen möchten?
Bauch: Ich glaube, es ist nicht an mir, meine Performance zu beurteilen. Für mich ist es wichtig, einen Mehrwert zu schaffen – für die Menschen, mit denen ich arbeite, für das Unternehmen, das ich leite. Als Führungskraft kann man allein nicht wirklich viel erreichen. Die besten Erfolge sind die, die man gemeinsam erzielt. Wenn die Abteilungen zusammenarbeiten und neue Lösungen entwickeln. Wenn die Kunden in der Zusammenarbeit einen Mehrwert sehen, die Patienten mit den Produktlösungen glücklich sind und wir ihnen ein Stück Zuversicht und Leichtigkeit zurückgeben können. Dazu einen Beitrag geleistet zu haben und zu sehen, dass sich das Unternehmen weiterentwickelt, ist die größte Bestätigung.
GP: Was ist Ihr aktuelles Herzensprojekt?
Bauch: Muss ich mich auf eins beschränken? Im Wesentlichen sind es zwei. Zum einen, unsere Sanitätshäuser darin zu unterstützen, im Bereich der Brustversorgung zu wachsen, ihre Kundinnen optimal versorgen zu können und die Reichweite zu erhöhen. Wir sehen uns als Partner der Fachhändler. Nur Produkte zu verkaufen, ist viel zu kurz gedacht. Wir wollen unterstützen auch die Frauen zu erreichen, die heute nicht versorgt werden, einen Mehrwert schaffen und Ansätze in der Brustversorgung mit den Sanitätshäusern neu denken. Gemeinsam ist ein nachhaltiges und erfolgreiches Wachstum leichter. Das zweite Thema betrifft uns als Unternehmen und wie wir uns erfolgreich für die Zukunft aufstellen. Neben qualitativ hochwertigen Produkten und innovativen Lösungen sind es am Ende des Tages die Menschen, die den Unterschied machen. Sie sind es, die neue Lösungen entwickeln, die optimale Abläufe sicherstellen, die für unsere Produkte begeistern und langjährige Beziehungen aufbauen. Daher ist es wichtig, dass wir miteinander im Austausch sind, dass wir voneinander lernen und uns ständig verbessern, mit dem klaren Ziel, betroffene Frauen optimal zu versorgen und die Reichweite in Zukunft deutlich zu erhöhen.