Frau Ellerbrock, Sie haben mit Alexandra von Korff 2019 einen Podcast zum Thema Brustkrebs gestartet. Wie kam es dazu?
Paulina Ellerbrock: Alex und ich haben beide 2017 die Diagnose „Brustkrebs“ bekommen und uns von heute auf morgen in der Rolle der Patientin wiedergefunden. Den Podcast haben wir im Mai 2019 nach unseren Anschlussheilbehandlungen ins Leben gerufen, um unsere Erfahrungen und unser Wissen an andere Betroffene weitergeben zu können. Wir wollen im Podcast alltagsnah und niederschwellig informieren. Denn wir hatten als Patientinnen selbst gemerkt, dass die Flut an Informationen gar nicht zu bewältigen ist. Zumal vieles schriftlich ist. Und dafür hat man dann häufig einfach nicht die Konzentrationsfähigkeit. Unser Anspruch ist es, Patientinnen aufzuklären, wen sie in ihrem „Team“ brauchen, welche Optionen es gibt und welche Ansprüche sie haben. Diese Teams holen wir als Gäste in unseren Podcast, führen Gespräche und versuchen Fragen zu klären, die über den Besuch im Arztzimmer im Krebsalltag auf die Patientinnen und Angehörige zukommen. Als Betroffene haben wir einen einmaligen Einblick in die Sorgen und Nöte der Frauen. Wir schufen ein Format, das wir uns damals selbst gewünscht hätten. „2 Frauen, 2 Brüste“ wurde ein großer Erfolg und zeigt auf, welche Informationsbedürfnisse hinter der Erkrankung stecken. Aus einem Podcast zweier betroffener Frauen wurde ein Projekt mit wachsender Medienpräsenz. Unter anderem haben wir ein eigenes TV-Format bekommen, in dem wir die Möglichkeit hatten, über Krebs im Alltag zu sprechen.
Ein großes Problem: Vielen Frauen fehlt das Wissen, was ihnen eigentlich an Versorgung zusteht.
Ellerbrock: Genau. Das beginnt schon in der dynamischen Versorgungsstruktur mit Hilfsmitteln, in denen Patientinnen in Kliniken und Praxen nicht umfassend über Möglichkeiten informiert werden. Da spielen die Sanitätshäuser oft eine große Rolle in der Aufklärung. Wir regen Frauen dazu an, schon vor dem Klinikaufenthalt in ein spezialisiertes Sanitätshaus zu gehen. Dort werden sie aufgefangen und haben geschulte Ansprechpartner.
Arbeiten Sie eng mit Sanitätshäusern zusammen?
Ellerbrock: Wir sind umfassend mit Verbänden, Sanitätshäusern, aber auch mit Praxen, Kliniken und Rehaeinrichtungen vernetzt und werden von vielen Sanitätshäusern für Veranstaltungen gebucht. Gemeinsam mit den Häusern schauen wir dann, welche Art von Veranstaltung es sein soll. Soll es eine Ladies Night mit Verkaufscharakter sein oder etwas anderes. Denn wir haben, anders als die meisten Sanitätshaus-Mitarbeiter, den persönlichen Zugang zum Thema. Wir können Fragen beantworten, die sich innerhalb der eigenen vier Wände abspielen und der Wäsche ihre Zweckmäßigkeit abnehmen. Denn die Betroffenen sind nicht nur reine Patientinnen, sie sind auch Frauen mit einem Privatleben, das von der Diagnose betroffen wird. Wir wollen die Frauen befähigen, keine bedürftige Patientin zu bleiben, sondern das eigene Wohlempfinden in den Vordergrund zu stellen. Langfristig sollen die Patientinnen nicht mehr kommen, um sich zu versorgen – sie sollen kommen, um sich wieder anzuziehen.
Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Versorgung von Brustkrebs-Patientinnen verbessern?
Ellerbrock: Wir sind alle noch nicht da, wo wir eigentlich hin müssten. Weder in den Krankenhäusern noch bei den Therapeuten, Sanitätshäusern oder den Hilfsmittel-Herstellern. Brustversorgung ist ein hybrides Produkt: Einerseits ist es ein beratungsintensives medizinisches Hilfsmittel – auf der anderen Seite ist es auch ein Teil der persönlichen Kleidung. Das benötigt einen anderen Beratungsansatz. Ich mache das immer an meiner eigenen Erfahrung fest. Nach der Diagnose habe ich quasi alles falsch gemacht, war in einem Sanitätshaus ohne Spezialisierung, hatte kein Fachwissen, ich wusste nicht mal, wo ich das bekommen soll. Bei vielen Problemen, habe ich mir lange Zeit gesagt, dass das jetzt einfach so sei. Dabei habe ich erst beim Kennenlernen meiner Möglichkeiten gemerkt, dass ich die Situation verbessern kann. Dass man nicht nur den Verlust sehen darf, sondern auch die Chancen. Besonders in der Anschlussheilbehandlung öffnet sich das Fenster der Möglichkeiten enorm. Dafür muss man eben kämpfen. In meinem Fall habe ich mich direkt bei den Herstellern beschwert, weil ich mich dort einfach nicht wiedergefunden habe. Die Hersteller müssen sich vor Augen halten, wer die Kundin ist. Und das sind in den seltensten Fällen normschöne, junge, schlanke Frauen mit perfekter Oberweite. Sie haben sich meine Kritik zu Herzen genommen und zusammen haben wir Wege erarbeitet, die die Kundin besser ansprechen. Nicht das reine Produkt steht im Vordergrund, sondern wie es sitzt, wie es sich damit lebt. Das geht jetzt so langsam auch in die Sanitätshäuser über, die sich als Boutiquen präsentieren und mit Concept-Store-Konzepten einen anderen Weg der Ansprache und Versorgung wählen. Sanitätshäuser zu beraten, ist mein Herzensprojekt.
Um den Podcast 2 Frauen, 2 Brüste zu hören, einfach auf den Link klicken!