Mit der Unternehmensnachfolge wird gemeinhin die Übergabe eines Staffelstabs verbunden. Für Detlef und Thomas Möllers Strategie passt dieses Bild nicht. Hier macht ein anderer Vergleich mehr Sinn: Seit 2017 rudern Vater und Sohn zusammen im Doppel-Zweier von Hamburg aus durch den Norden. „Wir haben Zeit“, lautet ihr Motto.
„Ich wollte nie Söhne in der Firma. Dafür kenne ich zu viele warnende Beispiele.“ Die Aussage von Detlef Möller bedarf der Einordnung und Erläuterung. Denn der Begriff bezeichnet hier nicht die verwandtschaftliche Beziehung zum Vater, sondern kritisiert eine bestimmte Geisteshaltung und Lebensführung. „Söhne“, das sind für Detlef Möller Menschen, die ihre Position im Unternehmen und Erfolg als Selbstverständlichkeit erachten. Die meinen, dass ihnen alles zufällt. Und die nicht gelernt haben, ihr eigenes Brot zu verdienen. Bei Thomas Möller ist das anders. „Stolle war für mich immer eine Option. Aber nie ein ,du musst“, erklärt der 39jährige. Vor seinem Einstieg beim Hamburger Sanitätshausfilialisten arbeitete er viele Jahre lang für eine Unternehmensberatung im Gesundheitswesen. Der geplante Abschied des Qualitätsmanagement-Beauftragten in den Ruhestand markierte aus Sicht von Detlef und Thomas Möller den idealen Zeitpunkt für den Start ins Familienunternehmen. Als Qualitätsmanagement-Beauftragter lernte Thomas Möller alle Teams und das Unternehmen intensiv kennen. Seine erste Aufgabe lautete: Ordnung schaffen im Qualitätsmanagement. „Das ist bei uns jetzt ein ganz schlankes Thema“, freut sich Detlef Möller.
„Ein unbeackertes Feld“
Manchmal spielt einem der Zufall in die Karten. Im Jahr 2017 suchte der Orthopädie- und Rehatechnik-Spezialist Incort in Stade eine Lösung für seine Nachfolge. Der Betrieb bot aus Sicht von Stolle die passende Ergänzung des bestehenden Dienstleistungsangebots u.a. in der Kinderorthopädie. Stolle kaufte das Unternehmen, Thomas Möller übernahm die Geschäftsführung. „In Stade wartete ein unbeackertes Feld, und die Situation erinnerte mich an meine Entwicklung bei Stolle“, erinnert sich Detlef Möller. Vor der Wende hatte er die hausinterne Werkstatt der orthopädischen Klinik in Schwerin mitaufgebaut, die 1990 unter seiner Führung als Tochtergesellschaft von Stolle weitergeführt wurde. In Schwerin habe eine besondere Aufbruchsstimmung geherrscht, hebt Möller hervor. Daher schätzt er besonders die Gestaltungsmöglichkeiten, die ihm die Zentrale in Hamburg im Alltag gelassen habe. 2004 wechselte er dann als Bereichsleiter und Geschäftsführer in die Zentrale nach Hamburg, 2007 erfolgte der Aufstieg zum geschäftsführenden Gesellschafter. „Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung und die Freiräume, welche die Inhaber und Verantwortlichen mir gelassen haben.“ Wie Detlef Möller damals in Schwerin, zeichnet Thomas Möller bei Incort für alle Bereiche verantwortlich. Die Geschäftsentwicklung spiegelt den Erfolg wider: Das Unternehmen wuchs kräftig – Umsatz und Anzahl der Mitarbeitenden haben sich seitdem verdreifacht. Zu den Highlights gehörte die Eröffnung eines spezialisierten Zentrums für die Hilfsmittelversorgung von Kindern im vergangenen Jahr.
Freiräume lassen – Vertrauen schenken
Seine Erfahrungen in Schwerin haben das Führungsverständnis von Detlef Möller geprägt. „Wir suchen Führungskräfte, die sich und den Markt weiterentwickeln wollen. Dabei müssen wir uns im Team über die Ziele einig sein. Die Wege dahin können sich jedoch unterscheiden. Wir trauen unseren Leuten etwas zu und geraten nicht in Panik, wenn sie Dinge anders machen als wir selbst. Dabei hat auch jeder das Recht, Fehler zu machen. Vertrauen hilft zu wachsen.“ Zum Sanitätshausverbund gehören inzwischen über 50 Filialen. Das vertrauensbasierte Führungsverständnis ermöglicht Stolle, auch von Hamburg entfernte Standorte wie etwa in Leipzig zu betreiben. Dort legt Stolle einen Schwerpunkt auf neurologische Erkrankungen und kooperiert bei der Hilfsmittelversorgung mit Partnern wie dem Neuroorthopädischen Zentrum (NOZ Leipzig). Der Hintergrund: „In der klassischen Orthopädietechnik müssen wir immer neue Themen finden. Wir müssen daher schauen, mit welchen neuen Versorgungsmöglichkeiten wir uns und unsere Mitarbeiter in der Werkstatt weiterentwickeln“, erklären Detlef und Thomas Möller.
Die Zeichnung
Nach Meinung von Detlef Möller können sich Unternehmer kaum früh genug mit ihrer Nachfolge auseinandersetzen. Doch mit Blick auf die Konzentrationsprozesse und Übernahmen in der Sanitätshausbranche stellt er fest: „Viele Inhaber verpassen leider den Zeitpunkt sich zu kümmern.“ Am Schrank in Thomas Möllers Büro hängt übrigens eine Zeichnung. Man erkennt einen Rollifahrer und einen Prothesenträger. Darüber ist Stolle zu lesen – mit spiegelverkehrtem S. Die nächste Generation ist zwar erst sechs Jahre alt. Doch vielleicht ist das nächste Kapitel der Unternehmensgeschichte bereits geschrieben.