Im Jahr 2030 wird Künstliche Intelligenz (KI) als selbstverständliche Technologie mitgedacht. Diesen Wunsch äußerte Dr. Katharina Pohl, KI-Ingenieurin bei der Opta Data Gruppe, im Rahmen einer Gesprächsrunde auf dem GP-Sanitätshaus-Tag im Rahmen der Fachmesse Rehacare. Auch Güven Karakuzu, Gründer des Software-Anbieters It-Labs, ist überzeugt: „KI wird so selbstverständlich wie die Arbeit mit Computern.“
Die Digitalisierungsexperten verbinden mit KI große Hoffnungen, kennen aber um deren Grenzen und aktuelle Herausforderungen. KI basiert auf Wahrscheinlichkeitsrechnung, führte Katharina Pohl aus. „Und die kann auch mal falsch abbiegen. Es handelt sich nicht um Programmierung.“ Da im Gesundheitswesen höchste Anforderungen an Qualität und Sicherheit gestellt würden, schreite die Entwicklung vergleichsweise langsam voran.
Bei der Implementation von KI-Projekten begegnen den Praktikern unterschiedliche Vorbehalte. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit langwierigen Branchensoftware-Projekten befürchteten manche Sanitätsfachhändler, dass die Einführung eines KI-Tools wie z.B. eines Telefon-Chatbots mit einem großen Aufwand einhergehe, berichtete Shane Füller von Anni.care. Dabei dauere die Implementierung meist nur wenige Stunden. Wenn ChatGPT nicht das gewünschte Ergebnis liefere, liege dies außerdem zumeist nicht an der KI, sondern an einer unzureichenden Anweisung. Füller: „Das richtige Prompting ist wahnsinnig wichtig.“
„Wir brauchen Fehlertoleranz“
Katharina Pohl und Güven Karakuzu warnten vor einer übertriebenen Erwartungshaltung von Sanitätshäusern. Alleine durch KI ließen sich schlechte Prozesse nicht von Grund auf verbessern, so Pohl. Tools wie z.B. ein Chatbot seien ein Ausgangspunkt, um die eigenen Abläufe zu hinterfragen.
Beim Start mit KI werde außerdem teilweise 100prozentige Fehlerfreiheit erwartet – zu Unrecht, wie Güven Karakuzu hervorhob. „Wir brauchen mehr Fehlertoleranz.“ Daher könne man den Mitarbeitenden auch etwaige Job-Ängste nehmen. KI-Lösungen dienten alle nur der Unterstützung und benötigten das menschliche Knowhow ihrer Anwender. Außerdem fehlten den Betrieben schlicht die Fachkräfte, um das Arbeitsaufkommen zu bewältigen. „Ja, die Jobs werden sich durch KI verändern. Aber wir brauchen die Leute“, so Karakuzu. Daher werde KI zwangsläufig an Stellenwert in der Hilfsmittelbranche gewinnen müssen, ergänzte Shane Füller. Denn KI biete „einen Riesenhebel“, die Mitarbeitenden von repetitiven Aufgaben bei Standardversorgungen zu befreien.
„Wir brauchen Neugier“
Bei der Einführung von KI-Tools in Unternehmen empfiehlt Karakuzu, die für IT aufgeschlossenen Mitarbeiter im Team herauszufiltern. Katharina Pohl arbeitet dabei am liebsten mit Menschen, die „noch keine Berührungen zu KI“ gehabt hätten. „Wir brauchen Neugier.“ Die Mitarbeiter sollten die KI testen, ergänzte Shane Füller. „Sie müssen die Entlastung spüren.“ Wenn die Mitarbeiter mitgenommen würden, könnten sie auch ihre Kunden für die Nutzung von KI gewinnen.
Der Anni.care-Gründer verbindet mit KI die Hoffnung, dass die Hilfsmittelbranche aus ihrem reaktiven Modus herauskomme. Bei einer Entlassung am Freitag aus einer Klinik stünden der OP-Termin und der Hilfsmittelbedarf lange im Vorfeld fest. Die sinnvolle Nutzung von Daten über KI könnte die Planung für alle Beteiligten erleichtern. Dann ließe sich eine Entlassung „aktiv gestalten“, und man müsse nicht „immer hinterherrennen“.
Davon ist die Branche aber noch ein Stück weit entfernt. Es gebe schon viele Insellösungen, so Güven Karakuzu. „Aber wir sind noch nicht in den Kern der Versorgungsprozesse vorgedrungen.“