GP: Wie ist das Training aufgebaut?
Bergschneider: Bisher gibt es 24 Trainingsvideos für alle Körperregionen. Die Videos wurden in der Natur gedreht, damit die Gedanken der Trainierenden schweifen können und positive Gefühle geweckt werden.
Zielgruppe sind aktive Rollatornutzer. Der Muskel darf beim Training ruhig einmal ein wenig ziehen oder zittern. Manche Übungen sind daher auch für Menschen mit Demenz oder größeren körperlichen Einschränkungen zu schwierig. Die Trainingseinheiten sind mit 10 Minuten bewusst kurzgehalten, um niemanden zu überfordern und gleichzeitig zum regelmäßigen Training anzuspornen. Mein Wunsch ist einmal täglich. Aber auch dreimal die Woche ist mehr als nichts. Jede Trainingseinheit ist ein Plus für Körper und Geist. Krafttraining im Fitnessstudio und Rollastic wäre aus meiner Sicht die ideale Kombination, um körperlich aktiv, mobil und fit zu bleiben.
GP: Wie haben Sie das Programm entwickelt?
Bergschneider: Ich habe die Übungen direkt am Rollator entwickelt, dort, wo die Ausgleichsgymnastik stattfinden soll. Beispiel Schulter: Die Haltung am Rollator führt häufig zu Verspannungen, Schmerzen oder gar Bewegungseinschränkungen im Schulter- und Nackenbereich. Gleichzeitig sind gerade bewegliche, kräftige Schultern entscheidend für sicheres und entspanntes Gehen – z. B. beim Heben, Lenken, Bremsen oder beim Anheben über Bordsteine. Insgesamt handelt es sich um bekannte Übungen aus der medizinischen Trainings- und Physiotherapie.
Daher lassen sich auch andere Hilfsmittel wie Bälle oder Therabänder sinnvoll einbauen. Außerdem kann jeder für sich kreativ werden. Für die Fußgymnastik eignet sich z.B. ein Taschentuch, Krafttraining geht mit Wasserflaschen. So wird das Training abwechslungsreich und macht Spaß.
GP: Wie lange dauerte die Entwicklung des Trainings?
Bergschneider: Ich bin seit zweieinhalb Jahren bei Saljol und bringe die physiotherapeutische Sicht in die Produktentwicklung ein. Die Grundidee kam vor eineinhalb Jahren auf im Austausch mit Rollator-Anwendern. Saljol versteht sich ja nicht nur als Hersteller, sondern will den Menschen mehr mitgeben. Ich möchte daher mein therapeutisches Wissen teilen. Es steckt wahnsinnig viel Herzblut in dem Projekt nicht nur von mir, sondern auch von Thomas Appel.
GP: Wie kommt das Programm an?
Bergschneider: Wir haben Rollastic im Mai auf der Rehab vorgestellt und tolles Feedback bekommen, gerade auch von Ergo- und Physiotherapeuten. Das zeigt mir das riesige Potenzial. Denn in der Therapeutenszene hat der Rollator teilweise immer noch ein schlechtes Image als Hilfsmittel, das die Beweglichkeit und Muskulatur schwächt.
GP: Wie wollen Sie Rollastic bekannt machen?
Bergschneider: Wir haben eine Landing Page mit den Videos aufgebaut. Der kostenfreie Zugang zu allen Trainingsvideos ist eine Zugabe zu unseren Saljol-Rollatoren. In unserer Produktfibel ist der notwendige QR-Code. Darüber hinaus erhalten unsere Saljol empfiehlt-Partner die Möglichkeit, QR-Codes auszugeben, um eine möglichst breite Tester-Gruppe aufzubauen. Außerdem planen wir mit Saljol-Partnern Rollastic-Events in größeren Städten. In unser bestehendes Programm „Mobil mit Rollator“ können wir Rollastic ebenfalls integrieren. Eine weitere Zielgruppe sind Senioreneinrichtungen, in denen Therapeuten mit mehreren Rollator-Nutzern trainieren können.
Außerdem hat der ehemalige Weltmeister im Zehnkampf, Jürgen Hingsen (67 Jahre), von unserer Initiative erfahren. Er bot an, als Markenbotschafter und Experte an unserer Seite zu stehen – was wir gerne annehmen.
GP: Sollte der Sanitätsfachhandel seine Kunden bereits bei der Rollatorberatung auf die Notwendigkeit von Ausgleichsgymnastik aufmerksam machen?
Bergschneider: Ich halte Ehrlichkeit in der Beratung für essenziell. Aus Therapeutensicht sollte der Sanitätshausberater die Gefahren einer schiefen Haltung direkt ansprechen und seine Kunden für Bewegungstraining sensibilisieren. Wenn Hilfsmittel nicht einfach abgegeben werden, profitieren davon die Kunden und Sanitätshäuser.
Wir sehen den Rollator-Kunden als aktiven Teilnehmer der Gesellschaft. Den gesellschaftlichen Blick auf Menschen, die den Rollator für Teilhabe nutzen und in ihrem Alltag weiter Stärke und Unabhängigkeit zeigen, wollen wir weiter fördern. Rollastic leistet dazu einen Beitrag.
In einem weiteren Schritt werden wir daher über ein Train-the-Trainer-Programm Mitarbeiter aus dem Sanitätsfachhandel, aber auch Physio- und Ergotherapeuten sowie Trainer in Fitness-Studios, Vereinen und Volkshochschulen eine Ausbildung mit Trainer-Lizenz anbieten.
GP: Für Rollastic braucht man aber nicht unbedingt einen Saljol-Rollator?
Bergschneider: Generell eignet sich jeder regelmäßig gewartete Rollator mit sicheren Bremsen. Außerdem braucht man einen korrekt angebrachten Rückengurt und richtig eingestellte Handgriffe.