Die ICF-Klassifikation ist ein international standardisiertes System der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Beschreibung der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit eines Menschen in seiner Umgebung. Sie erfasst und klassifiziert nicht nur das Gesundheitsproblem selbst (wie die ICD), sondern analysiert ganzheitlich durch vier Komponenten: Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten und Partizipation sowie Umweltfaktoren. Ziel ist es, eine gemeinsame Sprache für die Beschreibung individueller Situationen zu schaffen und den Fokus auf die Fähigkeiten und die Lebenssituation von Menschen zu legen.
Zwei Fragen an Sascha Becker, Dietz Group Manager Commercial & Communication.
GP: „Die Anwendung der ICF kostet zu viel Zeit und Aufwand.“ Was entgegnen Sie?
Sascha Becker: Wer das sagt, kennt den Nutzen noch nicht. Die ICF schafft Klarheit – und spart damit enorm viel Zeit. Keine Rückfragen mehr, keine kreativen Rechtfertigungen, weniger Ablehnungen. Der wahre Zeitfresser ist die unklare Versorgung.
Meine Lieblings-Gegenfrage ist in zudem: „Was ist die Alternative?“ – Bei den Antworten wird es ganz ruhig. Die meisten haben nicht erkannt, dass ICF eine Struktur ist, welche statistische Daten erhebt (ICF-Codes). Wenn ich einen logischen Prozess habe und diese damit verbinde, dann ist dies die Grundlage, um Prozesse zu automatisieren – zum Beispiel die automatische Zuordnung von Hilfsmitteln. Das wurde früher schon mit Diagnosen versucht – also nur mit der ICD, aber diese Vorgehensweise ist zu ungenau und hat sich nicht durchgesetzt. Mit einer ICF-Evaluation ist dies möglich, weil ich alle relevanten Daten habe, um eine Versorgung von A bis Z zu durchdenken. In der Vorbereitung und bei der persönlichen Hilfsmittelanpassung sowie bei der anschließenden Evaluation, ob ich die Versorgungsziele erfüllt habe.
GP: Was ist das größte Missverständnis über ICF?
Becker: Dass sie nichts mit der Reha- und Orthopädietechnik zu tun hat und dass dies „etwas Neues“ ist. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Die ICF hilft dabei, Hilfsmittel als Versorgung zu verstehen – nicht als Produkt. Sie zeigt: Was braucht der Mensch? Was ist das Ziel? Und wie kann ein Hilfsmittel dabei helfen? Zudem wird ICF schon lange genutzt. In der Therapie und auch in der Hilfsmittelversorgung.
Ich bin ein großer Verfechter der Anwendung und bin sehr froh, dass jetzt auch andere Hersteller sich dem Thema angenommen haben. Ein zusätzlicher Nutzen liegt darin, dass die ICF-Methode als Grundlage für Fortbildungen genutzt werden kann. Dies beschleunigt das Onboarding, weil das Verständnis für Diagnosen und ihre Auswirkungen einfacher erlernt werden. Fazit: Die ICF ist keine Mode – sie ist längst gesetzlich verankert.
Was jetzt fehlt, ist der Mut zur konsequenten Anwendung. Denn nur wer Ziele kennt, kann richtig versorgen.