GP: Welche Rolle spielt der Austausch zwischen den Unternehmen?
Geib: Eine sehr große. Wir treiben die Erfa-Arbeit, wie man sie aus Einkaufsgemeinschaften kennt, intern auf die Spitze. Unsere über 20 OT-Meister und Ingenieure tauschen sich regelmäßig über neueste Technologien aus, machen gemeinsame Schulungen oder besuchen Lieferanten. Wenn ein Patient mit einer seltenen Versorgung in eine Filiale kommt, kann der Kollege auf das Wissen der ganzen Gruppe zurückgreifen. Diese Synergien funktionieren hervorragend und haben eine starke Eigendynamik entwickelt. Die Kollegen organisieren sich beispielsweise mittlerweile selbst, um gemeinsam zur OTWorld zu fahren.
GP: Welche Bedeutung haben Spezialisierungen oder zentralisierte Kompetenzzentren innerhalb der Firmenstruktur?
Geib: Wir setzen auf Exzellenz durch die Schwarmintelligenz der Gruppe. Statt alles an einem Ort zu bündeln, haben wir dezentrale Kompetenzzentren, zum Beispiel für den 3D-Druck im Norden und im Süden. Die Medizintechnikingenieure dort stehen in intensivem Austausch, arbeiten aber lokal mit den Werkstätten und nah am Patienten. So verbinden wir das Know-how des Netzwerks mit der lokalen Versorgung.
GP: Gibt es einen gemeinsamen Einkauf?
Geib: Dieser ist im Aufbau. Wir sind mit den Lieferanten im engen Austausch und konsolidieren über die Firmen hinweg. Genauso wie bei den ERP-Systemen hat natürlich jeder seine Favoriten aus der Historie heraus.
GP: Ladenbau, Digitalisierung, Werkstätten, Logistik oder Personalentwicklung: In welchen Bereichen investieren Sie besonders stark?
Geib: Ganz klar in Digitalisierung, Infrastruktur und Technologie. Der größte Hebel ist aus meiner Sicht die „Business Process Automation“. 85 Prozent unserer Vorgänge sind repetitiv. Warum muss ein Kunde immer wieder die gleichen Daten für eine Kniebandagen-Versorgung eintippen? Das ist fehleranfällig und zeitaufwendig. Wenn wir diese Standardprozesse automatisieren, gewinnen unsere Mitarbeiter Zeit für komplexere Aufgaben. Dafür braucht es aber eine saubere, standardisierte Datenbasis. Außerdem investieren wir massiv in unser Team, in unser Gebäude und in die Ausstattung, um ein modernes Sanitätshaus-Erlebnis zu schaffen.
GP: Auf diesem Weg würde eine einheitliche Branchensoftware in den Unternehmen Sinn machen.
Geib: Wir arbeiten intensiv daran, doch eine solche Lösung lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren. Deshalb starten wir bewusst mit Satellitenprozessen und haben dafür spezialisierte Digitalisierungsteams aufgebaut. Unser Ziel ist es, die papierbasierten Abläufe Schritt für Schritt abzulösen und möglichst viele digitale Tools konsequent einzusetzen.
GP: Zum Beispiel auch KI-Telefonie?
Geib: Bei der KI-Telefonie bin ich sehr vorsichtig. Sie macht erst Sinn, wenn die KI auf die gleichen Informationen zugreifen kann wie ein Mensch. Wenn ein Kunde anruft, um einen Termin zu vereinbaren, muss die KI direkt prüfen können, ob der Mitarbeiter, der Raum und die Uhrzeit verfügbar sind. Wenn sie stattdessen nur eine E-Mail an einen Mitarbeiter schreibt, der dann den Kunden zurückrufen muss, weil der Termin schon belegt ist, schafft das Frust statt Effizienz. Viele machen hier den zweiten Schritt vor dem ersten. Bevor KI echten Mehrwert liefern kann, muss die Datenbasis bereinigt und standardisiert werden.
GP: Welche Rolle spielt die additive Fertigung?
Geib: Wir haben in 3D-Druck investiert und bauen das Thema mit unseren Kompetenzzentren und Medizintechnikingenieuren weiter aus. Der intensive Austausch in der Gruppe ermöglicht es uns, auch Spezialversorgungen kurzfristig darzustellen – selbst, wenn ein Fall in einer Region zum ersten Mal auftritt. Das Know-how ist im Netzwerk jederzeit verfügbar.
GP: Investieren Sie gezielt in neue Versorgungsfelder, etwa im Bereich Physiotherapie?
Geib: Wir haben uns verschiedene Möglichkeiten angeschaut, sind aber zu dem Schluss gekommen: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ In unserem Kerngeschäft gibt es noch so viel Potenzial und zahlreiche Sanitätshäuser stehen vor der Nachfolge, sodass wir uns derzeit gezielt auf diesen Bereich konzentrieren.
GP: Ank-Kaiser ist Mitglied der Sanitätshaus Aktuell AG: Welche Rolle spielt für Sie die Leistungserbringer-Gruppe?
Geib: Eine sehr wichtige. Die Mehrwerte, die wir aus der Einkaufsgemeinschaft ziehen – sei es im Vertragswesen, im Marketing, bei juristischem Beistand oder im Einkauf – sind größer als der Aufwand. Auch als großes Haus sind wir bei der Sani Aktuell sehr gut aufgehoben und halten an der Mitgliedschaft fest.
GP: Wie definieren Sie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Industrie?
Geib: Für mich setzt sich eine Partnerschaft zu 50 Prozent aus harten und zu 50 Prozent aus weichen Faktoren zusammen. Bei den harten Faktoren geht es vor allem um das Pricing, es sollte so einfach wie möglich gestaltet sein. Komplexe Rabattstaffeln erzeugen nur Aufwand auf beiden Seiten. Bei den weichen Faktoren geht es um ein breites Spektrum – Lieferfähigkeit, Innovation, Schulungen oder Unterstützung bei Events. Wichtig ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ich vergleiche uns gerne mit Orcas: Sie jagen aktiv im Team, weil sie wissen, dass sie so schneller zum Ziel kommen. Solche Partner wünschen wir uns auch bei den Lieferanten.
GP: Wie beurteilen Sie die aktuelle Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenkassen?
Geib: Sowohl wir als auch die Krankenkassen haben das gleiche Ziel: den Patienten schnell und optimal zu versorgen. Es gibt enormes Potenzial, Genehmigungsprozesse zu vereinfachen und zu automatisieren. Wichtig ist, dass wir uns zusammensetzen und überlegen, wie wir Blindleistung auf beiden Seiten eliminieren können, statt Vorgänge einfach „über die Mauer“ zum anderen zu werfen. Viele Vertragswerke sind veraltet und ließen sich heute technisch deutlich eleganter gestalten. Davon würden alle profitieren: Patient, Kostenträger und Leistungserbringer.
GP: Wie stark ist Ihr Unternehmen vom Fachkräftemangel betroffen?
Geib: Der Beruf des Orthopädietechnikers ist bei jungen Menschen nach wie vor viel zu unbekannt. Warum das Orthopädietechniker-Handwerk einen so überschaubaren Zulauf in der Ausbildung hat, verstehe ich bis heute nicht. Wenn mehr junge Menschen wüssten, welche Wirkung sie entfalten können – Menschen helfen, im Team arbeiten und dabei handwerklich tätig sein – wäre die Situation sicherlich anders. Diese Kombination ist aus meiner Sicht absolut einzigartig. Hier erwarte ich mir auch von den großen Verbänden mehr Engagement, um gemeinsam mit den Hörgeräteakustikern oder Optikern das Gesundheitshandwerk insgesamt populärer zu machen. Wir selbst sind sehr aktiv: Wir zahlen unseren Azubis deutlich über Tarif und bieten Austauschprogramme und Weiterbildungen an. Dadurch haben wir einen guten Ruf und bekommen auch Auszubildende, aber nicht mehr in der Anzahl wie früher – das ist wohl überall ein Trend, leider. Wir setzen auch stark auf Quereinsteiger, zum Beispiel aus der Hotellerie oder dem Handwerk. Für mich gilt: Wollen kommt vor Können. Können kann man ausbilden, Wollen nicht. Eine motivierte Person, die Gas gibt, ist mir lieber als jemand, der auf dem Papier alles mitbringt, aber keine Motivation zeigt.