Die Wundexperten auf dem 7. Wunddialog des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) waren sich einig: Das alleinige Primärziel „Wundverschluss“ des G-BA für den Nutzennachweis der „Sonstigen Produkte zur Wundbehandlung“ ist nicht immer mit der Zweckbestimmung dieser Produkte vereinbar. „Neben Schmerz-, Keim- und Geruchsreduktion muss auch der Wunsch der Patienten und der Faktor Lebensqualität einen stärkeren Niederschlag finden“, forderte Prof. Dr. med. Martin Storck, Direktor der Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie im Städtischen Klinikum Karlsruhe. Juliane Pohl, BVMed Ambulant-Expertin: „Der G-BA muss mit Ärztinnen und Ärzten, Pflegefachpersonen und Herstellern in einen Austausch treten, um gemeinsam weiterhin eine moderne, zielgerichtete und patientenorientierte Wundversorgung sicherzustellen.“
„Einer schwer heilbaren Wunde geht immer eine Grunderkrankung voraus“, erklärte Prof. Dr. Stefan Riedl, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie in Göppingen. Zusammen mit dem Wunsch der Patienten ergebe sich daraus das Ziel und die Therapieform der Wundversorgung: „Ist die Wunde kurativ behandelbar? Gibt es eine palliative Therapie? Oder machen wir eine rein symptombezogene Behandlung?“. Beim Einsatz einer bestimmten Wundauflage sei daher nicht immer der Wundschluss das Ziel, sondern unter anderem Schmerzlinderung, Keim- oder Geruchsreduktion, was auch Konsequenzen für die Produktauswahl hätte.
Mit Änderungen in der Arzneimittel-Richtlinie durch den G-BA im August 2020 werden nun Evidenz, Nutzennachweise und Studien für so genannte „Sonstige Produkte zur Wundbehandlung“ gefordert. „Für einen Nutzennachweis muss ich schauen: Was möchte ich eigentlich mit dem Produkt erreichen?“, so Dr. Horst Braunwarth, Mitglied des BVMed-Fachbereiches Wunderversorung.
„Laut Arzneimittel-Richtlinie laufen allerdings Lebensqualität-Scores und andere Therapieziele nur als sogenannte sekundäre Endpunkte mit, die in der Nutzenbewertung nicht berücksichtigt werden. Als primärer Endpunkt wird ausschließlich die Zeit bis zum Wundschluss definiert. Daher benötigen wir eine interdisziplinäre Diskussion um weitere Therapieziele.“
Prof. Dr. Martin Storck
Hinzu komme, dass „wir versuchen, im unglaublich artifiziellen Umfeld einer randomisiert kontrollierten Studie Bedingungen in der Routine-Wundversorgung zu standardisieren, was fast unmöglich ist“, so Dr. Thomas Eberlein, Dermatologe. Ein Grund: „Patienten sind die wichtigsten Partner in der Versorgung“, so Hampel-Kalthoff, Geschäftsführer des Wundzentrums Orgamed in Dortmund. Storck bestätigte: „Eine alleinige Betrachtung der Ergebnisse randomisierter Studien mit engen Einschlusskriterien und klinikfernen Endpunkten ist gerade im Bereich der chronischen Wunde zu einseitig“. Eine mögliche Lösung sehen die Experten in der Nutzung von prospektiven Registerdaten („Real-World-Data“).
Wundtherapie: Auch praktische Kriterien zählen
Maik Stendera von Mamedicon brachte eine weitere Sichtweise ein: „Der Pflege geht es bei einem Wundprodukt auch um praktische Dinge und um die Frage „Was hilft mir bei der Arbeit?“. So würden manche jetzt zu prüfende Produkte auch zu enormer Zeitersparnis führen, ergänzte Inga Hoffmann-Tischner, Leiterin des pflegerischen Wundzentrums Aachen und Pflegedienstes in Köln. Durch den demografischen Wandel und die Personalknappheit seien Produkte notwendig, die Kapazitäten freisetzen und die Möglichkeit bieten, den Menschen individuell sowie qualitativ hochwertig zu versorgen.
Hier sehen die Experten auch Perspektive in der Häusliche Krankenpflege-Richtlinie (HKP-RL). „Es wäre sinnvoll, die Bundespolitik auf die Fachkompetenzen, die insbesondere von Pflegefachpersonen in Ausbildung und Studium erworben werden, aufmerksam zu machen, um unter anderen die HKP-Richtlinien patientenorientiert anpassen zu können“, beschrieb Annemarie Fajardo, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerates. „Wir könnten die Fachlichkeit und Versorgungsschwerpunkte der Pflege in der Wundversorgung noch stärker weiterentwickeln. Das bedeutet auch, Prozesse und Schnittstellen zu hinterfragen und setzt erweiterte Kriterien der Qualität sowie der Interdisziplinarität voraus“.