Um die Innovationskraft der Medizintechnik-Branche in Deutschland in Zukunft zu erhalten, hat die Vorstandsvorsitzende der B. Braun SE, Anna Maria Braun, auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin für einen „einheitlichen Datenraum in Deutschland und Europa“ geworben. „Wir müssen viel mehr auf effiziente digitale Technologien setzen. Ein europäischer Datenraum erfordert auch ein gewisses Maß an Standardisierung, um Daten klug nutzen zu können und echten Nutzen für Anwender:innen und Patient:innen zu schaffen“, sagte Braun auf der DKOU-Session „Innovation versus Regulation in Orthopädie und Unfallchirurgie – Verliert Deutschland seine internationale Spitzenposition?“. Die Veranstaltung wurde vom Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) organisiert.
„Wir müssen die Daten für die Medizin besser nutzbar machen, sonst werden uns Amerika und China abhängen“, sagte die B. Braun-Vorsitzende. Sie betonte dabei die große Bedeutung eines intensiven Austauschs der Unternehmen mit den Ärztinnen und Ärzten. „Lösungen können nur gemeinsam entwickelt werden. Dazu gehört eine Offenheit für digitale Technologien.“ Sie plädierte für „mehr Mut zur Transparenz, die digitale Technologien mit sich bringt“. Deutschland stehe insgesamt vor tiefgreifenden gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen. Die Medtech-Branche sei aufgrund der Spezialisierungsfähigkeit und der KMU-Struktur ein Innovationstreiber. „Können wir diese Innovationen auch umsetzen? Bislang ist es uns gut gelungen, die Ideen auch in die Praxis der Versorgung umzusetzen. Diese Spitzenposition ist aber in Gefahr“, so Braun.
Um den demografischen Wandel und den Mangel an medizinischem Personal zu bewältigen, müsse daher viel mehr als bisher auf digitale Technologien gesetzt werden. Anna Maria Braun: „Bei neuen Technologien muss immer der Mehrwert für Patient:innen im Mittelpunkt stehen. Der Mehrwert kann aber auch in der Verbesserung der Prozesse beispielsweise in den Kliniken liegen.“ Sorge bereitet ihr die EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR), die dazu führe, dass 60 Prozent der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in die Dokumentation gehen.
BVMed-Geschäftsführer Dr. Marc-Pierre Möll verwies darauf, dass die MDR und ihre bürokratischen Hürden es den Unternehmen zunehmend erschwere, Innovationen in Deutschland auf den Markt zu bringen. Er warb für schnelle Lösungen, insbesondere für bewährte Altprodukte sowie Nischenprodukte mit geringen Stückzahlen. Unterstützung fand er bei Prof. Dr. Dieter C. Wirtz, Präsident der DGOOC und der DGOU: „Bestandsprodukte, die seit Jahren auf den Markt sind und sich bewährt haben, müssen trotzdem neu zertifiziert werden. Es wird aber niemand Interesse an klinischen Studien für Bestandsprodukte haben. Und wenn Nischenprodukte aufgrund der Überregulierung vom Markt verschwinden, dann leidet die Versorgung. Wir brauchen hier Lösungen und die Unterstützung der Politik.“ Als Vertreter der Wissenschaft plädierte Prof. Dr.-Ing. Georg Duda von der Charité für einen stärkeren Qualitätsfokus. Die Regulatorik müsse stärker als Partner für Forschung und Entwicklung verstanden und wissenschaftlich begleitet werden.