Ethische Prinzipien beachten
Im Unterschied zum Gründungsjahr 1923 gebe es aktuell wohl kaum einen Menschen in Deutschland, der noch nicht mit Hilfsmitteln in Berührung gekommen sei. Diese These stellte Andreas Brandhorst, Referatsleiter 227 – Vertragszahnärztliche Versorgung, Heilmittelversorgung, Hilfsmittelversorgung, Rettungsdienst im Bundesministerium für Gesundheit, in seiner Rede auf.
Der demographische Wandel, eine steigende Zahl an chronisch Erkrankten und ein wachsender Anspruch auf Selbstbestimmung und Teilhabe werden die Anzahl der Hilfsmittelversorgungen von jetzt 30 Millionen pro Jahr noch weiter ansteigen lassen, betonte Brandhorst. „Im Gegenzug wird die Anzahl der Beitragszahler nicht ansteigen“, so der Referatsleiter. „Wir werden ein dickes Brett bohren müssen, um diese Herausforderung gemeinsam zu meistern und dabei gilt es, nicht nur auf die Ökonomie zu achten, sondern ethische Prinzipien zu beachten. Dafür benötigen wir Akteure, die jenseits ihrer eigenen Interessen das Gemeinwohl im Blick haben. Als einen solchen Akteur habe ich den BIV-OT kennen und schätzen gelernt.“
Gernot Kiefer, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender GKV-Spitzenverband, ging in seiner Rede auf eine Parallele zwischen den Jahren 1923 und 2023 ein: „Zum Glück gibt es heute keine Hyperinflation wie 1923, aber die letzten Jahre waren dennoch von einer massiven Inflation geprägt. Unser gemeinsames System gibt bisher keine Antwort auf die Herausforderungen der unkalkulierbaren Preissteigerungen. Diese Herausforderungen bieten uns beidseitig die Chance, besser zu werden. Es liegt an uns allen, das hinzubekommen.“
Auch vor diesem Hintergrund sei die Gründung einer bundesweiten Interessenvertretung des orthopädietechnischen Handwerks 1923 ein notwendiger und erfolgreicher Schritt gewesen. „Denn es ist offensichtlich, dass es zur erfolgreichen Zukunftsgestaltung eine faire Arbeitsteilung zwischen den Gesundheitsberufen braucht. Wir benötigen eine pluralistische Struktur, bei der alle Gesundheitsberufe und Gesundheitshandwerke die Versorgung mitgestalten“, erläuterte Kiefer.
Konservative Orthopädie stärken
Im Namen mehrerer Fachgesellschaften – der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU), der Deutschen Gesellschaft für interprofessionelle Hilfsmittelversorgung (DGIHV), der Vereinigung Technische Orthopädie (VTO) und der Initiative `93 Technische Orthopädie – beglückwünschte Prof. Dr. med. oec. Bernd Greitemann, Ärztlicher Direktor der Klinik Münsterland am Rehaklinikum Bad Rothenfelde, den BIV-OT zum Jubiläum. „Aktuell vernachlässigen wir in der Facharztausbildung die konservative Orthopädie“, bedauerte Prof. Greitemann mit Blick auf die hohen Operationszahlen im Bereich der Orthopädie in Deutschland. Das müsse sich dringend ändern. „Wir als Mediziner sind heilfroh, dass es die Orthopädie-Technik gibt. Wir brauchen diese dringend“, so der Ärztliche Direktor. „Trotz der derzeitigen Herausforderung, qualifiziertes Personal zu finden, sage ich dem Handwerk eine boomende Zukunft voraus.“
Einen Sprung in die Vergangenheit wagte Klaus Dittmer, Orthopädietechnik-Meister in Berlin und leidenschaftlicher Sammler orthopädietechnischer Hilfsmittel. Er gab vor den knapp 200 geladenen Gästen einen kurzweiligen Abriss zur 100-jährigen Verbandsgeschichte und schloss mit einem Appell: „Meinen jungen Kollegen möchte ich zurufen: Schauen Sie nicht nur auf den Bildschirm! Das Resultat einer zufriedenstellenden Versorgung sehen Sie im Gesicht des Patienten!“