Wie will die Bevölkerung mit ihren Gesundheitsdaten umgehen? Das war die Leitfrage des nach eigenen Angaben ersten Self Tracking Reports von EPatient Analytics in Deutschland. Dafür würden im Frühjahr 2022 5.000 Bürgerinnen und Bürger in einer wissenschaftlichen Studie – repräsentativ für alle Onliner (90 Prozent der Bevölkerung) –befragt. Die Studie wurde von E-Health-Forscher Dr. Alexander Schachinger initiiert.
Das Smartphone ist bei den Deutschen das Messinstrument Nr. 1 für Gesundheitsdaten und Symptome. Vier von fünf Teilnehmenden an der Umfrage sind Gesundheits-Tracker und vermessen ihre Gesundheit selbst.
Folgende Vitalwerte werden häufig gemessen:
- 75 Prozent messen Gewicht
- 38 Prozent messen Blutdruck
- 35 Prozent messen Bewegung, Schritte
- 23 Prozent messen sportliche Aktivitäten
- 20 Prozent messen Schlafqualität
- 13 Prozent messen Blutzucker
- 10 Prozent messen Stresssymptome
- 10 Prozent messen Schmerzsymptome
Die Daten zeigen: Je älter und kränker die Bürger sind, desto eher sammeln sie ihre Messwerte nicht digital, sondern mit Papier und Stift.
Klassische Vitalwerte, wie Gewicht, Blutdruck, Puls oder Blutzucker werden im Schnitt schon über mehrere Jahre gemessen. Der Anteil der neueren Vitalwerte wie Schlaf, Stress oder Stimmung sind ein im Vergleich eher neues Phänomen auf dem Markt der Selbstvermessung.
Wie will Deutschland mit seinen Gesundheitsdaten umgehen?
Die Studie zeigt nicht nur ein detailliertes Bild des Vermessens der Gesundheit und der Technik des Messens, sondern erforscht auch die Offenheit gegenüber der Datenverwendung für Forschung und Medizin.
- Vier von fünf Bürgern sind für eine nationale Forschungsdatenbank, gefüllt mit ihren Patientendaten.
- 70 Prozent sind für die sinnvolle Anwendung ihrer Gesundheitsdaten aus dem Smartphone, beispielsweise für das Einfließen in ihre Patientenakte für eine bessere Behandlung.
- Ebenfalls wünschen sich sieben von zehn bei Verschlechterung ihrer Vitalwerte automatisch eine Meldung auf ihr Handy auf Grundlage ihrer Daten aus der elektronischen Patientenakte.
- Und drei von vier Bürgern wünschen sich auf Basis ihrer individuellen Vitalwerte für sie zugeschnittene Präventionsangebote von ihrer Krankenkasse.
„Es wurde Zeit, der Gesundheitspolitik dieses Bild vorzuführen: Die Bevölkerung will ihre Gesundheitsdaten für eine bessere und somit auch sichere Medizin nutzbar machen.“ so Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin für E-Health am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH).
„Die Studie zeigt: Die Bevölkerung ist bei der Nutzung digitaler Angebote zur Förderung der eigenen Gesundheit sehr viel weiter als die Politik. Eine konsequente Digitalisierungsstrategie würde auf große Zustimmung stoßen. Viele warten geradezu darauf.“ so Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health an der Hertie School Berlin und neben Prof. Dr. Sylvia Thun einer der beiden wissenschaftlichen Berater der Studie.
Die elektronische Patientenakte
Obwohl erst an die 50.000 Bürger eine mehrheitlich funktionslose elektronische Patientenakte
(ePA) verwenden, wünschen sich 68 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass ihre Smartphone- und Gesundheitsdaten in ihre ePA einfließen, um ihre Behandlung zu optimieren. Auch Ärztinnen und Ärzte scheinen nicht das Problem zu sein, denn 64 Prozent der Bürger haben schon mal Befund- oder Diagnoseunterlagen von jenen erhalten. Auch proaktive Funktionen, wie automatische Meldungen auf das Smartphone bei gesundheitlicher Verschlechterung wünschen sich 72 Prozent.
Weiterhin wünschen sich zwei von drei Bürgern, ihre ePA digital und zentral vernetzt für eine bessere Behandlung sowie einen orts- und zeitunabhängigen Zugriff auf die vollständigen Unterlagen. Nur bei einem von dreien steht der Datenschutz diesem Szenario im Wege.
Wem vertraut die Bevölkerung ihre digitalen Gesundheitsdaten an?
83 Prozent vertrauen ihren Ärztinnen und Ärzten die Vitalwerte an, gefolgt von ihrer Krankenkasse mit 55 Prozent. Das Robert-Koch-Institut hingegen genießt nur bei jeder fünften Person dieses Vertrauen (19 Prozent). Sogar einer Forschungsspende der eigenen Gendaten steht knapp jede zweite Person offen gegenüber (48 Prozent Zustimmung, 27 Prozent Ablehnung, 25 Prozent keine Meinung). Die Zustimmenden der Gendatenspende würden der Mehrheit nach forschenden Herstellern ihre Gendaten spenden (63 Prozent, Platz 1 der abgefragte Akteure).
Die Wirklichkeit sieht jedoch völlig anders aus. Die Mehrheit der Vitaldaten wandert nach Kalifornien in die USA (Apple, Google, Fitbit), Südkorea (Samsung) und weitere Länder ab, ohne in Deutschland für Forschung und eine bessere medizinische Versorgung genutzt zu werden.
Ein Problem ist die Gesundheitsdatenkompetenz. Mehr als jede zweite Person weiß im Grunde nicht, was sie mit den Messergebnissen anfangen soll. Lediglich 12 von 100 Bürgerinnen und Bürgern wissen etwa, dass die Art und Weise, wie Menschen das Smartphone nutzen auf eine Depression schließen lassen kann. Dieses Wissen ist bei jüngeren Altersgruppen häufiger vorhanden.
„Wir erkennen eine wachsende Zahl an Bürger:innen, die Online- beziehungsweise Plattform-Medizin für sich entdeckt haben: die Online-Ärzt:innen, die Online-Diagnose, die datengestützte Online-Therapie. Wenn die Politik diese Möglichkeiten nicht aufgreift, wird es bald zwei Gesundheitswesen geben: ein modernes, datenbasiertes, in dem die Patienten sich selbst steuern und ein öffentliches, welches zunehmend an Effizienz verliert.“
Dr. Alexander Schachinger, Gründer und Geschäftsführer von EPatient Analytics