Und zum wiederholten Mal wurde deutlich: Vertreter der Kostenträger sowie der Leistungserbringer- und Patientenseite nehmen die Realität anders wahr.
Jan Harnisch, Fachbereichsleiter Hilfsmittel der AOK Sachsen-Anhalt, hob hervor, dass seine Kasse mit einem Volumen von 5% "sehr dosiert" auf Ausschreibungen setze. Zum Vergleich: 82% der Versorgungen durchliefen kein Antragsverfahren.
Der verordnende Arzt habe die Qualität zu kontrollieren. "Das ist das wichtigste Qualitätssicherungsinstrument." Dass Ausschreibungen zwangsläufig mit einer schlechteren Versorgungsqualität einher gingen, bestritt Harnisch. Die Zufriedenheit der Patienten falle immer gleich aus – ob ausgeschreiben werde oder nicht. Ausschreibungen seien inzwischen ein "Politikum", so dass Qualitätsmisstände medial große Kreise nach sich zögen. Interessant: Die laute mediale Begleitmusik schrecke seine Kasse zwar nicht ab, einen Versorgungsbereich auszuschreiben, werde aber gleichwohl berücksichtigt. Generell ist Harnisch überzeugt: "Die Versorgung mit Hilfsmitteln in Deutschland ist in großen Teilen wirklich gut."
Vertreter aus Politik und Verbänden sowie Leistungserbringer vermitteln einen anderes Bild. Inkontinenzmittel und Hörhilfen führen die Top-Ten der Patientenbeschwerden an, sagte die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens in ihrer Einleitung in die abschließende Podiumsdiskussion. Sie erkennt einen "massiven Handlungsbedarf" und sieht NRW als Land in der Pflicht, gemeinsam mit dem Bund Fehlentwickungen zu korrigieren.
Dirk Meyer, Beauftragter der NRW-Landesregierung für Patientinnen und Patienten, kritisierte die Kommunikation zwischen allen Beteiligten. "Die Betroffenen sind nicht informiert über ihre Ansprüche." Die mangelnde Transparenz sei ein Problem, ergänzte Christian Lierse, Geschäftsführer der Publicare Visé Homecare GmbH. Stefan Conrads, Vertreter der Bundesfachgruppe Ambulante Pflege des DBfK Nordwest: "Die Krankenkassen klären ihre Mitglieder nicht über ihre Rechte auf."
Meyer appellierte an die Ärzte, sich mehr Zeit für die Bedarfsermittlung zu nehmen. Wichtig sei eine "neutrale Beratung" über Hilfsmittel. Genau diese unabhängige Rolle nehme der MDK ein, hob Dr. Ulrich Sommer, Ärztlicher Leiter des MDK Nordrhein, hervor. Dieser werde über Umlagen und unabhängig vom Beurteilungsergebnis finanziert. Gutachten würden in der Regel vor Ort und im Team zusammen mit einem Techniker erstellt.
Barbara Steffens bezeichnete den kurzfristigen Kostenvergleich der Krankenkassen als Systemfehler. Denn dafür bezahle die Gesellschaft langfristig einen höheren Preis. Harnisch bezweifelt allerdings, wie der künftige Nutzen einer teureren Versorgung bewiesen werden könne. "Diese Frage kann keiner beantworten." Meyer sprach sich daher für eine patientenorientierte Versorgungsforschung aus. "Derzeit fahren wir im Nebel, da wir keine Ergebnisqualität beschrieben haben."