Bereits zum 20. Mal fanden beim Jubiläumssymposium von Jobst im Frühjahr 2026 in Braunschweig Fachkräfte aus Sanitätshäusern und angewandter Versorgung mit Experten aus Wissenschaft und Medizin zusammen. Das Motto „Wissen, das verbindet“ zog sich durch alle Fachvorträge, Diskussionen und Workshops rund um die medizinische Kompressionstherapie.
Malte Schmidt, National Sales Manager bei Essity für Jobst, spann in seiner Begrüßung den Bogen von der Erfindung des Kompressionsstrumpfes durch Conrad Jobst im Jahr 1950 über die posthume Würdigung der unternehmerischen Leistungen seiner Frau Caroline bis in die heutige Zeit. Er machte deutlich: „Wir stehen hier, weil Caroline Jobst das Unternehmen vorangetragen und Barrieren erfolgreich überwunden hat.“
Ganzheitliche Ansätze in der Lymphologie
Die inhaltlichen Schwerpunkte legten Mediziner der Földiklinik, dem Europäischen Zentrum für Lymphologie, mit dem Jobst seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Den Auftakt machte Dr. med. Tobias Bertsch, Facharzt für Innere Medizin, Chefarzt und ärztlicher Direktor der Földiklinik. Unter dem Titel „Doppelte Last: Adipositas und Lymphödeme verstehen und versorgen“ verdeutlichte er den Ernst der Lage: Seit 2012 sei die Sterblichkeit an Adipositas größer als die an Hunger. Auch in der Földiklinik nehme die Zahl der betroffenen Patienten deutlich zu. „Fettzellen sind der Feind der Lymphgefäße“, so Dr. Bertsch.
Anhand von Praxisbeispielen zeigte er, wie komplex die Behandlung wird, wenn Adipositas das Lymphödem verursache. Entscheidend sei ein ganzheitlicher Blick auf den Menschen und nicht nur auf einzelne Symptome. In der Földiklinik sei die individuelle Patientenberatung ein fester Bestandteil der Therapie und werde durch psychologisch unterstützende sowie alltagsnahe Maßnahmen ergänzt, etwa durch praktische Anleitung in einer Lehrküche.
„Gamechanger“Abnehmspritze
Die sogenannte Abnehmspritze sei zwar ein „Gamechanger“, sie komme jedoch nur für wenige Betroffene infrage. Oft seien operative Eingriffe wie ein Schlauchmagen oder Magenbypass notwendig, um langfristig Gewicht zu reduzieren. Ohne diese Maßnahmen sei das Risiko hoch: 60% der von Adipositas betroffenen Personen erreichen nicht das 70. Lebensjahr. Gleichzeitig sei das Operationsrisiko vergleichsweise gering. In der Diskussion wurde deutlich, wie wichtig es ist, Essstörungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Multimorbidität
Neben Adipositas können weitere Erkrankungen die Versorgung beeinflussen. Häufig kommen mehrere, teils schwerwiegende und lebensverkürzende Krankheitsbilder zusammen. Dr. Dr. Claudia Seger, Fachärztin für Innere Medizin, Angiologie und leitende Oberärztin der Földiklinik, schilderte die Komplexität von Behandlungen in solchen Fällen – etwa wenn Diabetes oder eine Herzinsuffizienz parallel bestehen. Entlang realer Patientensituationen zeigte sie, dass die medizinische Kompressionstherapie oft zentraler Bestandteil der Behandlung sein könne, jedoch individuell angepasst werden müsse. Entscheidend seien eine genaue Diagnostik, die Berücksichtigung aller Begleiterkrankungen und ein schrittweises Vorgehen. Kompression ist in den meisten Fällen möglich, vorausgesetzt, sie wird differenziert eingesetzt.
Zusammenarbeit
Auf die Bedeutsamkeit der interprofessionellen Kommunikation wies Dr. med. Francisca-Blanca Calinescu, Fachärztin für Chirurgie und Gefäßchirurgie im Medicenter Düren, hin. Sie nahm die Ärzteschaft in die Pflicht und regte „Mini-Fortbildungen“ und feste Zeitfenster an, in denen sich Ärzte und Mitarbeitende aus Sanitätshäusern zu Patienten austauschen. Dadurch ließen sich klare Absprachen treffen, welche die Versorgungssituation der Patienten insgesamt verbessern könnten.
Neben der medizinischen Seite gebe es auch einen gesetzlichen Auftrag zum fachlichen Austausch. Ralph Martig, Bereichsleiter Lymphologie und Vertragsmanagement des Sanitätshauses Schaub, regte daher an: „Auch Physiotherapeuten sollten sich untereinander vernetzen.“
Dr. med. Hans-Walter Fiedler, Chirurg, Gefäßchirurg und Lymphologe, räumte abschließend mit begrifflichen Irrtümern und Mythen auf: „Das Lipödem ist keine Ödemkrankheit.“ Ebenso trete es nicht in Stadien auf und verlaufe „nicht grundsätzlich progressiv“. Insbesondere kritisierte er die LIPLEG-Studie, deren Design keinen wissenschaftlichen Standards genüge. Somit sei weder die Überlegenheit der Liposuktion ausreichend belegt noch die vermeintliche Unterlegenheit der medizinischen Kompressionstherapie. Im Gegenteil: Kompression bleibe erste Wahl in der Therapie des Lipödems. Eine Liposuktion sei nur bei der Minderheit aller Patientinnen und Patienten in Erwägung zu ziehen.