Im Rahmen des Hilfsmittelforums des Industrieverbandes BVMed und der BAG Selbsthilfe auf der Rehacare hat eine Podiumsdiskussion Tradition. Das Thema in diesem Jahr: Können die Rahmenbedingungen eine qualitative und ausreichend zweckmäßige Hilfsmittelversorgung gewährleisten? Die Experten von Leistungserbringer, Kostenträgern und Verbänden waren sich einig, dass man abgesehen vom Kostendruck und Umsetzungsproblemen im Detail grundsätzlich mit den rechtlichen Vorgaben leben und mit dem System arbeiten kann. Interessanterweise nahm die Gesprächsrunde einen anderen Verlauf als in den Vorjahren. Statt nur einem Expertenaustausch auf der Bühne zu folgen, legten die Zuhörer im Plenum immer wieder den Finger in die "Versorgungs-Wunde".
Warum werden Stimmprothesen (Shunt-Ventile) innerhalb von Pauschalen abgerechnet? Warum sollen inkontinente Patienten, die Windeln tragen, Miktionsprotokolle führen? Und: Schließen sich eine patientenorientierte Hilfsmittelversorgung und Marktdenken nicht überhaupt aus? Betroffene Patienten nutzten die Podiumsdiskussion, um ihrem Ärger über Defizite in der Hilfsmittelversorgung Luft zu machen und Missstände anzuprangern. Ihnen pflichtete Dr. Siiri Doka (BAG Selbsthilfe) bei und kritisierte grundsätzlich den häufig langen Kampf vor der Genehmigung eines Hilfsmittels. Dabei stelle der MDS häufig fest, dass Patientenbeschwerden vielfach berechtigt seien.
Für Dr. Jörg Nosek (Wellspect HealthCare) sind diese Erfahrungen eine Folge des politischen Auftrags, den Hilfsmittelmarkt wettbewerbsrechtlich zu gestalten. Rechtsanwältin Bettina Hertkorn-Ketterer brachte es auf den Punkt: "Der Druck bricht sich dort Bahn, wo er am wenigsten Widerstand erfährt: beim Versicherten." In diesem Zusammenhang kritisierte sie auch, dass das Patientenrechtegesetz umgangen werde. Die Kostenträger lehnten Versorgungsanträge pauschal ab, wenn sie die Befristung fürchteten. Der Versicherte könne zwar Widerspruch gegen den Entscheid einlegen. Das sei jedoch der Startschuss für ein "monatelanges Verfahren".
Als Vertreterin einer Krankenkasse war Dr. Andrea Mischker (BIG Direkt gesund) besonders gefordert. Rund 80 Prozent der Hilfsmittel könnten zügig bewilligt werden. "Wir wollen selektieren, in welchen Fällen eine gewisse Prüftiefe notwendig ist. Die Kassen brauchen einen Blick für das Maß ihres Handelns. Eine Ablehnung sei nicht das Mittel der Wahl, da das Problem auf die Versicherten abgewälzt werde." Carla Grienberger ist ebenso überzeugt: "Komplexe Sachverhalte müssen geprüft werden." Sie räumte allerdings ein, dass bei manchen Versorgungen "nicht tolerierbare Zeiträume" gebraucht würden.
Aus den Beiträgen leitete Mischker einen "wahnsinnigen Informationsbedarf" auf Seiten der Patienten ab. Die Krankenkassen sieht sie dabei aber nicht in der Pflicht. "Wir brauchen eine neutrale Stelle, die als Anwalt der Betroffenen alle Seiten beleuchtet." Daher bedauert sie, dass die Rolle des Hilfsmittel-Beraters aufgrund von datenschutzrechtlichen Problemen und fehlender Qualifikation kaputt gemacht worden sei. Kann der Arzt hier in die Bresche springen? Bettina Hertkorn-Ketterer und Carla Grienberger vom GKV-Spitzenverband äußerten sich skeptisch. Wie könne der Arzt eine Rollstuhlversorgung beurteilen? Gewünscht seien vielmehr bessere, d.h. spezifischere Verordnungen, so Grienberger. Generell vermisst sie verbindliche Standards für die Dienstleistungsqualität. "Da ist viel nachzuholen."
Wunschliste
Nach den Bundestagswahlen formulierte die Expertenrunde ihre Wunschliste an die Politik.
– Dr. Jörg Nosek forderte, sich generell mehr Gedanken über das Gesundheitssystem der Zukunft zu machen.
– Dr. Siiri Doka sind die Auf- und Zuzahlungen im Hilfsmittelbereich ein Dorn im Auge. Ausdrücklich sprach sie sich für den Erhalt des Sachleistungsprinzips aus.
– Carla Grienberger will, dass künftig die Ergebnisqualität stärker in den Vordergrund rückt.
– Bettina Hertkorn-Ketterer appellierte an ein Ende der "Lagerkämpfe".
– Christian Lierse (PubliCare Visé) sprach sich für sektorenübergreifende Konzepte aus.
– Dr. Andrea Mischker hofft, dass Über-, Unter- und Fehlversorgungen vermieden werden. Außerdem sucht sie Konzepte, wie Patienten besser informiert und am System beteiligt werden können – vielleicht durch eine Art "Sendung mit der Maus für den Hilfsmittelmarkt".