Die neuen Verträge der AOK Nordwest gingen teilweise mit erheblichen Versorgungs- und Qualitätsproblemen für betroffene Patientinnen und Patienten einher. „Uns liegen Berichte über unkorrekte und ungeeignete Versorgungen mit Harninkontinenz-Produkten vor, die nicht nur die Lebensqualität der Betroffen erheblich einschränken, sondern auch zu medizinischen Komplikationen geführt haben. Das ist ein unhaltbarer Zustand“, sagt Juliane Pohl von der Initiative Faktor Lebensqualität.
Die Initiative Faktor Lebensqualität tritt für die spezifischen Interessen von Patienten ein, die auf die dauerhafte Versorgung mit Stoma- und ableitenden Inkontinenzartikeln (Kathetern) angewiesen sind. Die Initiative wird unter dem Dach des BVMed von führenden deutschen Herstellern und Leistungserbringern betrieben. Sie wurde 2013 gegründet und vereint die Hilfsmittelunternehmen für die Stoma- und Blasenkatheter-Versorgung.
Mit den neuen Verträgen hätten manche Patientinnen und Patienten ihren Versorger wechseln müssen. Von diesen seien sie teilweise mit falschen und qualitativ schlechteren Kathetern beliefert worden, die zum Teil nicht sachgemäß und unhygienisch verpackt gewesen seien. Außerdem habe es keine sachkundige Beratung beim neuen Versorger gegeben, vereinbarte Liefertermine seien nicht eingehalten worden, gehe aus den Berichten hervor.
Um die Versorgungssituation wieder auf den vorherigen, bewährten Zustand zu bringen, seien Aufzahlungen durch die Betroffenen ins Spiel gebracht worden – in einem Fall sogar in Höhe des Einkaufspreises des Produktes. „Dies widerspricht völlig dem bestehenden Versorgungsanspruch der Patientinnen und Patienten, die auf die Hilfsmaterialien medizinisch zwingend angewiesen sind“, so Pohl.
Preisdumping zu Lasten der Betroffenen?
„Für die von Inkontinenz betroffenen Menschen ist eine ihren Bedürfnissen entsprechende Versorgung gesundheitlich unerlässlich. Diese darf auch nicht davon abhängen, ob die Patient:innen für andere Produkte aus eigener Tasche aufzahlen können. Es ist Aufgabe der Krankenkassen, in ihren Verträgen mit den Versorgern eine ausreichende Qualität der Versorgung und der Produkte zu gewährleisten“, sagt Pohl. Bei den neuen Verträgen der AOK Nordwest scheine aus Sicht der Initiative „Faktor Lebensqualität“ vor allem der niedrigste Preis ausschlaggebend gewesen zu sein. „Damit sind aber Versorgungsprobleme programmiert, wie sich jetzt einmal mehr herausstellt. Außerdem werden damit die Anforderungen an eine qualitätsorientierte Dienstleistung im Zusammenhang mit der Produktlieferung unterlaufen“, so Pohl. Qualitative Versorgungsschwierigkeiten, die vom Gesetzgeber mit der Abschaffung der Ausschreibungen adressiert worden sind, würden durch das aktuelle Preisdumping in Verträgen einzelner Krankenkassen erneut auftreten.