GP: Sind Ihre Mitarbeiter immer schon in der Klinik beim Patienten?
Ginsberg: Teilweise ja. In den letzten Jahren versuchen wir verstärkt, dass der Patient schon vor der OP ein erstes Gespräch mit unseren Homecare-Mitarbeitenden führt und eine Vertrauensbasis aufbaut. Die Entlassung ist ein Prozess, der bereits bei der Aufnahme der Patienten beginnt. Da müssen wir mitspielen und unterstützen. Ansonsten entstehen Lücken in der Versorgungskette. Die niedergelassenen Allgemeinmediziner wissen meist wenig über Stomata. Homecare ist das wichtige Bindeglied zwischen Klinik und häuslicher Versorgung.
Mayer: Genau deshalb haben wir unsere Mitglieder auch zu Homecare-Spezialisten weiterentwickelt. Zusätzlich bekommen die Kunden aber auch Unterstützung aus den Schwester-Bereichen, Reha, Orthopädietechnik oder Sanitätshausbedarf. GP: Sie beschreiben den Idealfall, dass der Homecare-Mitarbeiter alle Versorgungsbereiche im Blick hat. Wie sichern Sie diesen Anspruch?
Bake: Wir bieten seitens der Zentrale unter anderem eine von Mitgliedern für Mitglieder entwickelte Weiterbildung zum Hilfsmittel-Koordinator an. Hier befähigen wir die Mitarbeitenden, die Patienten ganzheitlich zu betrachten und die vielschichtigen Versorgungsprozesse zu steuern. So können wir die Versorgung breiter aufstellen. Als Hilfsmittel-Koordinator hat man die Möglichkeit, dauerhaft als Ansprechpartner für Patienten und Angehörige im komplexen Versorgungsprozess zu fungieren.
Nierzwiki: Wir bieten bei uns im Haus viele Schulungen für unsere Mitarbeitenden an, um unsere Kunden umfassend zu versorgen. Darüber hinaus arbeiten wir aber auch mit regionalen Kooperationspartnern und Kollegen aus dem Bereich Reha, Orthopädie und Sanitätshaus zusammen, da unsere Kernkompetenzen im reinen Care-Bereich liegen.
GP: Wo liegen Ihre Versorgungsschwerpunkte?
Ginsberg: Stoma ist für uns neben Wundversorgung und ableitender Inkontinenz ein sehr bedeutender Markt. Enterale Ernährung bieten wir seit geraumer Zeit ebenfalls selber an und nicht mehr über einen Kooperationspartner. Dazu kommt die Diabetikerversorgung. Und auch mit saugenden Inkontinenz-Hilfsmitteln werden wir uns in diesem Jahr wieder mehr beschäftigen.
GP: Das überrascht mich. Viele Leistungserbringer haben sich von diesem Markt saugende Inkontinenz verabschiedet.
Ginsberg: Wenn ich mir die Pauschalen ansehe, dann kann ich die Produkte komplett frei verkaufen. Natürlich werden wir auch Verträgen beitreten. Wir wollen diesen Wachstumsmarkt nicht an uns vorübergehen lassen. Die Kunden fragen diese Produkte auch bei uns nach. Sie sollten dafür nicht zum Drogeriefachmarkt gehen, wenn sie bei uns bessere Produkte und Fachberatung bekommen. Die saugende Inko ist außerdem ein Türöffner zum Kunden, da häufig auch andere Handicaps eine Rolle spielen.
Nierzwiki: Wir hatten die aufsaugende Inko nicht mehr so im Fokus, weil wir unsere Kunden nicht durch horrende Aufzahlungen vergraulen wollten. Doch heute wissen die Kunden durch die allgemeine Preisentwicklung, dass sie für eine bessere Qualität mehr bezahlen müssen.
Ginsberg: Wir machten in der Vergangenheit nicht so viel Umsatz in dieser Produktgruppe, weil die saugende Inkontinenz logistisch eine Herausforderung darstellt. Wir tasten uns langsam wieder ran, werden aber die Logistik auslagern, damit sich das Geschäft einigermaßen wirtschaftlich trägt.
Nierzwiki: Bei einigen Krankenkassenverträgen beträgt die Pauschale etwa 11,50 Euro. Wenn ich großzügig kalkuliere mit einen DHL-Vertrag von 5 Euro Versandkosten …
Mayer: …das reicht schon nicht mehr. Die Logistikkosten belaufen sich inzwischen auf 6,50 bis 8,50 Euro…
Nierzwiki: …was bleibt da also noch an Warenwert übrig. Die 11,50 Euro sind weg, bevor wir „Hand“ anlegen.
Mayer: Die Häuser können die aufsaugende Inko nur dann anbieten, wenn sie ihren Prozess verändern. Die Mitarbeitenden dürfen keine Pakete zum Kunden schleppen. Dafür braucht es externe Logistiker mit professionellen Services. Um die Mitglieder zu unterstützen, haben wir Schnittstellen für die jeweilige Branchensoftware geschaffen. Über diese Schnittstellenlösungen wird der elektronische Lieferschein, Tracking-Link und Abliefernachweise direkt in die Branchensoftware zurückübertragen und dem Auftrag zugeordnet. Die Patienten bekommen somit die Information über den Status der Zustellung mitgeteilt, wenn sie das möchten.
Bake: Homecare insgesamt ist ein sehr prozessorientierter Bereich. Wir wollen die Betriebe bei der Optimierung der Therapiefelder begleiten und Entlastung in den internen Abläufen schaffen. Begicare57 hat unter anderem auch den Diabetes-Bereich im Fokus – das motiviert uns als Verbundgruppe, neue Geschäftsfelder aufzubauen und weiterzuentwickeln. Lange Zeit spielte das Thema Diabetes keine Rolle für uns.
Mayer: Hier geht es um eine Erweiterung des Dienstleistungs-Portfolios unserer Mitgliedsbetriebe. Gerade in der Heimversorgung spielt das Thema Diabetes eine große Rolle. Heime haben viele Diabetespatienten, daher sehen wir eine große Chance, durch Standardisierung auch hier Entlastung zu schaffen. Das kommt bei Ärzten, Pflegediensten und Mittlern gut an. Mit Reha, Orthopädietechnik und Sanitätshausbedarf wollen wir das interdisziplinäre Netzwerk anreichern, um als Vollversorger aufzutreten. Unsere Aufgabe als Zentrale ist es, regionale Versorgungsnetzwerke auf- und auszubauen. Entweder sind die Häuser so groß, dass sie es selbst können, oder sie kooperieren mit regionalen Partnerbetrieben.
GP: Eine qualitativ hochwertige Homecare-Versorgung kostet Geld. Wird Ihre Dienstleistung ausreichend vergütet?
Nierzwiki: Aus meiner Sicht wird unsere Dienstleistung nicht ausreichend vergütet. Ich sehe die größte Herausforderung darin, dass die aktuellen Kostensteigerungen, z.B. Energie, Treibstoff, Versicherungen etc., und die Preissteigerungen der Industrie, Rohstoff, sowie angepasste Gehaltsstrukturen, in den aktuellen Erstattungspreisen keine Berücksichtigung finden. Hier ist eine adäquate Anpassung dringend notwendig.
Bake: Wir müssen daher auf verschiedenen Feldern aktiv sein. So müssen die Homecare-Unternehmen ihren Service den Patienten gegenüber verdeutlichen. Zusammen mit dem BVMed und Wir versorgen Deutschland e.V. setzen wir uns dafür ein, dass das Thema Homecare in der Politik deutlicher wahrgenommen wird und sich in den Gesetzen wiederfindet. Den VVHC haben wir gestärkt, weil wir mit Studien beweisen wollen, dass die Versorgung mit Qualitätsprodukten und Service für die Krankenkasse im Endeffekt nicht teurer ist, weil es zu weniger Komplikationen kommt und dadurch Folgekosten minimiert werden. Wir bündeln unsere Kräfte und müssen lauter werden!