GP: Der Fachkräftemangel beschäftigt alle Unternehmen. Wie ist die Situation bei Aiutanda?
Bake: Wir haben bisher, toi, toi, toi, keine nennenswerten Schwierigkeiten, Positionen zu besetzen. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit der Sogwirkung, die wir in der Pflege haben, wo wir letztes Jahr 6.000 Bewerbungen in drei Monaten hatten. Im Sanitätshaus mit seinen vielfältigen Berufsbildern ist die Situation komplexer. Aber wir merken, dass unsere Betriebe aufgrund ihrer Kultur und des Settings, das sie Mitarbeitern bieten, attraktiv sind. Es ist in der Regel nicht das meiste Geld, das den Ausschlag gibt, sondern das Teamgefühl und flexible Möglichkeiten. Ein Betrieb hat zum Beispiel eine Vier-Tage-Woche in der Auslieferung eingeführt. Unsere Philosophie, die Geschäftsführer zu Mitunternehmern ihres Betriebs zu machen, trägt ebenfalls dazu bei. Sie sind am Erfolg beteiligt und treffen daher sehr verantwortungsbewusste Entscheidungen, auch bei Gehältern oder Investitionen. Diese Wertschätzung und das Ernstnehmen der Rolle stellt einen großen Wert dar.
GP: Vom 3D-Druck bis zur KI-Telefonie: Welche technologischen Entwicklungen sind für Ihre Betriebe gerade besonders interessant?
Bake: Die KI-Telefonie ist bei uns auf dem Durchmarsch. Insbesondere bei unseren Betrieben mit einem hohen Telefonaufkommen bringt diese Technologie enorme Prozessverbesserungen und entlastet unsere Fachkräfte sehr. Die Akzeptanz bei den Klienten nimmt stetig zu. Natürlich gibt es Kunden, die keine KI wollen, um die können sich dann unsere Kollegen gezielter kümmern. Die additive Fertigung ist im positiven Aufwind. Ein Betrieb hat hierfür eine Spezialabteilung aufgebaut. Dieser Bereich ist von Arbeitsabläufen und auch von dem Team nicht mit der klassischen OT-Werkstatt zu vergleichen. Diese Fertigungstechnik wird zwischenzeitlich schon innerhalb der Betriebe genutzt. Über abgestimmte Scanner erfolgt eine digitale Weitergabe der Daten, nach denen dann zum Beispiel die Sitzschale gefertigt wird.
GP: Und das digitale Entlassmanagement? Kommt da Fahrt auf?
Bake: Ich habe schon in den Anfängen den Betrieben geraten ihre vertrieblichen Aktivitäten unter keinen Umständen zu verringern. Die Plattformen sind aus der theoretischen Sicht auch für die Krankenhäuser eine sinnvolle Prozessvereinfachung. In der Praxis hat es sich noch nicht voll umfänglich etabliert.
GP: Mit welchen Services wollen Sie die Patienten in Zukunft besser erreichen?
Bake: Für uns ist die Administration von Aufträgen und die Schaffung niedrigschwelliger Übergänge von der Pflege zum HTM-Bereich entscheidend. Wir haben als Aiutanda einen hohen Digitalanspruch. Ein zentrales Element ist unsere App. Wir wollen, dass sie so einfach und bedienungsfreundlich ist, dass eine Pflegekraft im Zeitstress mit einem Klick ein Hilfsmittel, eine Pflegebox oder auch eine Therapie für einen Patienten bei unserem zuständigen Betrieb anfordern kann. Danach muss sie wissen: Es läuft. Diesen Anspruch verfolgen wir mit Nachdruck.
GP: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Kostenträgern? Treten Sie hier als Gruppe auf?
Bake: In der Regel nutzen unsere Betriebe für das Krankenkassen-Vertragsmanagement entsprechende Dienstleister. Natürlich haben einige Betriebe auch historisch gewachsene, gute persönliche Beziehungen zu Kostenträgern. Die größte Herausforderung sehe ich aber in der Finanzierungslage. Wir haben zum Teil noch sehr alte Verträge, die bis heute nicht angepasst wurden. Wenn man den Preisindex seither betrachtet, sind die Kosten für Transport, Personal und Material um ca. 25% gestiegen. Diese Schere zwischen stagnierenden Erlösen und steigenden Aufwendungen ist das größte Problem.
GP: Könnte eine stärkere Zentralisierung, etwa in der Verwaltung, den Betrieben hier helfen?
Bake: Wir haben einen zentralen Einkauf, der Verhandlungen koordiniert, eine zentrale Markenkommunikation, eine Stabsstelle Personal und ein zentrales Controlling. Aufgrund der hohen Spezialisierung und der Regionalität ist bei vielen Themen eine Zentralisierung nicht zielführend. Aber die Angleichung von Prozessen kann ein größerer Hebel darstellen. Wir in München haben den Anspruch, als Know-How-Drehscheibe zu fungieren.
GP: Zum Abschluss ein Blick auf den Gesamtmarkt: Die Konsolidierung läuft seit Jahren. Beschleunigt sich das Tempo?
Bake: Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass das Tempo zunimmt. Das liegt auch an der Babyboomer-Generation. Es gibt einfach viele Unternehmer, die jetzt in diese Phase kommen und über einen Verkauf nachdenken. Durch meine Rolle bei Aiutanda habe ich natürlich einen anderen Blick auf den Markt und bekomme viel mehr Veränderungen mit. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Angebot hereinkommt, sei es über Dienstleister oder über persönliche Kontakte. Wir können uns heute die Region und das Sortiment viel gezielter aussuchen als noch vor drei oder vier Jahren.