Wie ist Ihr Werdegang, Frau Leng? War von Anfang an klar, dass Sie das Unternehmen Ihrer Eltern übernehmen werden?
Genovefa Leng: Ja, im Prinzip schon. Ich habe meine Ausbildung im Unternehmen gemacht, dann relativ jung meinen Meister, schließlich den Betriebswirt… So konnte ich mit Ende 20 in die Geschäftsführung einsteigen. Mein Vater und ich haben uns zusammengesetzt und verhandelt. Als es für beide gepasst hat, war es beschlossene Sache. So konnte mein Vater beruhigt in die Rente entschwinden. Er hat sich auch wirklich sofort herausgezogen, es gab keine zwei Häuptlinge im Unternehmen. Dafür ist es bei zu vielen Kollegen schiefgelaufen, als dass wir da ein Risiko eingehen wollten. Im Hintergrund steht er natürlich noch mit Rat und Tat zur Seite, aber nur wenn er gefragt wird und man ihn erreicht: Als leidenschaftlicher Jäger ist er sehr gerne im Wald unterwegs.
Was hat sich seit dem Generationswechsel geändert? War es für Sie ein einfacher Prozess?
Genovefa Leng: Es ging insgesamt relativ ruhig vonstatten. Es gab auch keine Kündigungswelle, ich musste nicht „aufräumen“, weil mein Vater und ich auf einer Wellenlänge sind. Natürlich habe ich eigene und neue Dinge sowie Ideen ins Unternehmen miteingebracht, aber es war niemals ein harter Cut. Weder für das Team noch für meinen Vater und die Familie. Klar ist es eine Umstellung für ältere Kollegen, die mich noch als Kind gekannt haben, so eine Person dann als Chefin zu akzeptieren. Da gab es auch das ein oder andere Donnerwetter von beiden Seiten aus. Aber das ist ein natürlicher Prozess, der am Ende dazu geführt hat, dass wir als Team zusammengewachsen sind. Es ist eine Zeit des Wandels gewesen. Zu meinem Einstieg hat mein Vater mir einen Text mitgegeben: „Der König ist tot, lang lebe der König“.
Wie ist es, als Frau im Handwerk zu arbeiten? Gab es am Anfang Probleme mit der Akzeptanz?
Genovefa Leng: Man muss als Frau immer mal wieder zeigen, wer hier der Boss ist. Allerdings besteht unsere Führungsebene ausschließlich aus Frauen, denen muss man nicht beweisen, wozu eine Frau auch im Handwerk im Stande ist. Das ist allerdings purer Zufall, weil es fachlich einfach besser gepasst hat. Das schöne ist ja, dass ich jetzt in einer Position bin, in der ich mir aussuchen kann, mit wem ich zusammenarbeite. Mir wird ja niemand vor die Nase gesetzt, der nicht zu uns und dem Team passt.
Wie schaut Ihr aktueller Alltag aus? Besteht er eher aus Management oder stehen Sie noch in der Werkstatt?
Genovefa Leng: In erster Linie besteht mein Alltag aus Personalangelegenheiten und generellen Management-Themen. Bei 140 Mitarbeitenden steht immer irgendwas an. Ob es zwischenmenschliche Konflikte sind oder einfach ein Austausch mit mir – es ist immer irgendwas. Manchmal husche ich noch in die Werkstatt und arbeite dort mit, aber die Leitung des Unternehmens nimmt da eigentlich zu viel Zeit für ein.
Sie wurden als „Unternehmerfrau im Handwerk“ ausgezeichnet: Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Genovefa Leng: Erst einmal: Ich wusste nichts davon. Ich wurde da einfach vorgeschlagen. Es ist natürlich eine wahnsinnige Ehre, diese Auszeichnung erhalten zu haben. Es gibt viele tolle Frauen im Handwerk, da habe ich mich manchmal schon gefragt „Wieso ich jetzt?“. Ich kann es ehrlich gesagt immer noch nicht ganz realisieren, weil durch diese Auszeichnung eine wahre Lawine ausgelöst wurde, mit Fotoshootings, Podcasteinladungen, Interviews. Es ist schön, eine Auszeichnung erhalten zu haben, aber am Ende des Tages habe ich einfach nur meinen Weg bestritten.
Wie finden Sie Nachwuchskräfte? Was braucht es, um mehr junge Menschen ins Handwerk, besonders in die Gesundheitsbranche zu ziehen?
Genovefa Leng: Es ist schwierig. Wir sind ein Ausbildungsbetrieb und stellen fest, dass die aktuelle Jugend, also die, die durch Ausbildung auf den Arbeitsmarkt kommen könnte, sehr schwierig ist. Viele studieren lieber erst ein paar Jahre, wohl um die Kindheit künstlich zu verlängern. Es ist schwer, junge Menschen zu finden, die richtig für den Beruf brennen. Wir haben ein paar wirklich gute Auszubildende bei uns, aber man findet sie nicht mehr so einfach wie noch vor ein paar Jahren. Vielen fehlt die Bereitschaft, einfach mal über den Tellerrand hinweg zu schauen. Wir finden die Nachwuchskräfte zum Beispiel über Kooperationen mit Schulen. Was wir nicht verstehen, oder eher lustig finden ist, dass wir als Unternehmen vom Girls & Boys-Day ausgeschlossen wurden, weil wir keine typischen Männer- oder Frauenberufe anbieten. Das ist natürlich ein gutes Zeichen, aber nimmt uns die Möglichkeit, an interessierte Jugendliche zu kommen. Berufsmessen waren für uns bislang nie sonderlich fruchtbar. Die gezielte Ansprache über Social Media bringt da schon eher etwas, allerdings haben wir bei Plattformen wie Tiktok zu viele Vorbehalte, um sie zu nutzen. Nichtsdestotrotz müssen wir Wege finden, Handwerk wieder attraktiv darzustellen. Den Jugendlichen muss klar sein, dass sie im Handwerk oftmals viel mehr Geld verdienen als nach einem Studium, dass sie sich trotzdem entfalten können und dass Handwerk etwas wert ist.