Unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. med. Tobias Bertsch und Guenter Klose kamen am 16. und 17. Mai 2025 in Hinterzarten Expertinnen und Experten aus Europa, den USA und Australien zusammen. Sie diskutierten über aktuelle Entwicklungen in der Lymphologie und des Lipödems. Das Symposium bot mehr als 420 internationalen Teilnehmenden eine Plattform zum interdisziplinären Austausch, teilt der Kompressionsspezialist Juzo mit.
Ein zentrales Thema des Kongresses war die Behandlung von Ödemen und Lymphödemen. Prof. Nele Devoogdt unterstrich, wie wichtig die Aufklärung und Emanzipation der Betroffenen sei – nur wer die Wichtigkeit der Therapie versteht, könne sie aktiv mitgestalten. Physiotherapeut John Jordi ging noch weiter: Therapie sei nur dann erfolgreich, wenn Patientinnen und Patienten eigenverantwortlich mitarbeiten. Self-Management sei daher unerlässlich.
Ein therapeutischer Ansatz ist die Lymphchirurgie. Doch nicht alle Patientinnen und Patienten kommen für operative Eingriffe infrage. Prof. Christian Taeger hob hervor, wie essenziell der Austausch zwischen Ärzteschaft sowie Therapeutinnen und Therapeuten sei, um maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln. Moderne Bildgebung ermögliche dabei eine präzisere Diagnostik geschädigter Lymphbahnen.
Lymphtherapeutin Linda Hodgkins warnte davor, jedes Ödem automatisch als Lymphödem zu interpretieren – Ursachen könnten vielfältig sein und erforderten differenzierte Abklärung. Dr. Michael Oberlin zeigte anhand von Fallbeispielen, dass Lymphödeme auch Symptome genetischer Syndrome wie dem Emberger-, Überwuchs- oder Noonan-Syndrom sein können.
Priv.-Doz. Dominic Mühlberger lenkte die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der vaskulären Diagnostik bei Patientinnen und Patienten mit offenen Beinen und Lymphödemen. Ein gestörter Flüssigkeitsrückfluss müsse unbedingt unterbunden werden, um eine Heilung zu ermöglichen.
Adipositas und Lipödem: Herausforderungen der Differenzialdiagnose
Der zweite große Themenblock widmete sich den Erkrankungen Adipositas und Lipödem, die häufig gemeinsam auftreten. Die Diagnose eines Lipödems sei nach wie vor schwierig – Dr. Tobias Bertsch und Physiotherapeutin Linda S. Roherty berichteten, dass zwischen 76% und 80 % der Patientinnen, welche sich in der Földiklinik und an der Charité – Universitätsmedizin Berlin eine Zweitmeinung einholten, ursprünglich falsch diagnostiziert worden seien. Die Ursache liege oft in Fehlinformationen, die zu therapeutischer Unsicherheit führten.
Diese Fehldiagnosen hätten weitreichende Konsequenzen: Dr. Belinda Thompson erläuterte, dass Lipödempatientinnen in ihrer Studie keinen „Dermal Backflow“ aufwiesen – im Gegensatz zu Lymphödempatientinnen und -patienten, was eine differenzierte Therapie notwendig mache. Auch auf psychologischer Ebene würden sich Fehlinformationen negativ auswirken: Gabriele Erbacher und Prof. Christine Moffatt zeigten, dass Angst und Schmerz durch falsche Annahmen verstärkt würden – physischer und emotionaler Schmerz würden im Gehirn ähnlich verarbeitet.
Dr. Hans-Walter Fiedler betonte die Notwendigkeit evidenzbasierter Aufklärung, auch über soziale Medien. Die Kompressionstherapie sei bei Lipödem nicht nur schmerzlindernd, sondern auch entzündungshemmend, fördere das Körpergefühl und verbessere die Mobilität.
Prof. Goran Marjanovic stellte die bariatrische Chirurgie als eine mögliche Behandlungsform für die Adipositas vor. Eine frühzeitige und effektive Therapie der neuroendokrinologischen Erkrankung sei entscheidend, um Schäden an Organen zu vermeiden.
Dr. Jürg Traber regte eine gesellschaftskritische Diskussion an: Er forderte ein Umdenken in Bezug auf normierte Schönheitsideale und warnte vor „Disease Mongering“, dem krankmachenden Pathologisieren normaler körperlicher Unterschiede.