Dr. Roy Kühne ist in der Sanitätshausbranche kein Unbekannter. Von 2013 bis 2021 vertrat er im Bundestag die Sichtweise der Hilfsmittelleistungserbringer. Seit 1. Januar 2022 bekleidet er bei Bauerfeind die neu geschaffene Stelle Director Government Affairs. Doch GP sprach mit Roy Kühne weniger über die gesundheitspolitischen Entwicklungen in Deutschland und im Ausland als vielmehr über das Zusammenspiel von Hilfsmitteln und Physiotherapie unter dem Blickwinkel der Rückengesundheit. Schließlich ist Kühne von Haus aus Diplom-Sporttherapeut sowie gelernter Physiotherapeut. Der Fachmann ist überzeugt: „Wir brauchen mehr intersektorales Denken.“
GP: Herr Dr. Kühne, Bandagen und Orthesen hatten in der Vergangenheit bei manchen Physiotherapeuten einen schweren Stand. Gilt das immer noch?
Roy Kühne: Es gibt schon noch die Vorstellung, dass stabilisierende Hilfsmittel die Freiheitsgrade einschränken und zur Verkümmerung der Muskulatur beitragen. Physiotherapeuten folgen dem Credo „use it or loose it“. Wir müssen daher die Kommunikation zwischen Physiotherapeuten und Orthopädietechnikern stärken. Hier sehe ich auf der einen Seite eine Holschuld bei den Therapeuten, sich über Hilfsmittel zu informieren. Auf der anderen Seite sind aber auch die Orthopädietechniker in der Bringschuld, den Kontakt zu suchen. Wer hat schon einmal die Therapeuten in seiner Nachbarschaft zu sich in die Werkstatt eingeladen? Die Hilfs- und Heilmittelbranche müssen enger zusammenrücken. Kommunikation hilft, Vorurteile abzubauen.
GP: Wie kann das bei Rückenbeschwerden konkret aussehen?
Kühne: Stillstand ist ein Problem bei Schmerzen. Die Patienten müssen mobilisiert werden. Zweimal die Woche Physiotherapie reichen da nicht. Alle Therapeuten geben ihren Patienten daher Hausaufgaben mit auf den Weg. Doch viele stellen dafür nur ein Blatt Papier mit Übungen zur Verfügung. Die Kombination der Bauerfeind-Produkte mit der Therapie-App bietet einen guten Ansatz, um den Diskurs zu eröffnen und das therapeutische Dreieck aus Patienten, Physiotherapeuten und Hilfsmittel zu stärken. So wird das Hilfsmittel zum selbstverständlichen Therapiebestandteil – wie der Petzi-Ball. Mir gefällt daher gut, dass man mit der App angeleitet trainieren kann, mit oder ohne Hilfsmittel. Und Physiotherapeuten können über die Arbeit mit der App ihr Wissen auch erweitern.
GP: Warum ist das wichtig?
Kühne: 80 Prozent der Versicherten leiden zumindest einmal in ihrem Leben unter nicht-spezifischen Rückenschmerzen. Rückenschmerzen haben eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung. Doch wir wissen alle, dass viele Hilfsmittel nach einiger Zeit unbenutzt zu Haus liegen. Lumbalbandagen und Orthesen müssen den Patienten erklärt werden. Doch dem Arzt fehlt dafür die Zeit. Die Patienten trauen sich zudem nicht nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Beim Physiotherapeuten sagen sie dann nur, dass sie mit dem Produkt nicht klarkommen. Wir müssen daher alle Beteiligten besser über Hilfsmittel aufklären. Dazu gehört natürlich auch der Arzt als Auslöser der Versorgung.
GP: Wird in Deutschland zu viel und zu schnell operiert?
Kühne: Ich bin überzeugt, dass wir in Deutschland die Möglichkeiten der konservativen Therapie nicht ausreizen. Das zeigt der internationale Vergleich. Daher müssen wir vom sektoralen Denken wegkommen und unter anderem das Zweitmeinungsprinzip ausdehnen. Warum gilt es nur zwischen Ärzten und nicht auch für den Austausch zwischen Ärzten und Gesundheitshandwerken?
„Wir lassen das Wissen von Therapeuten und Orthopädietechnikern präoperativ zu häufig brach liegen.“
Dr. Roy Kühne, Bauerfeind
GP: Wie kann der Austausch zwischen den Professionen gefördert werden?
Kühne: Lokal gibt durchaus viele Beispiele für Netzwerke zwischen Leistungserbringern aus dem Hilfs- und Heilmittelbereich. Ich kenne auch viele Ärzte, die bei Therapeuten anrufen und nach Lösungsideen fragen. Aber wir müssen diese funktionierenden Abläufe in nachvollziehbare Leitlinien übersetzen – wie bei einem Kochrezept.
Das komplette Interview mit Dr. Roy Kühne lesen GP-Abonnenten in der April-Ausgabe.