Zum Einstieg zog Dorothee Bitters, Leiterin Hilfsmittel bei der GWQ Serviceplus AG, eine Bilanz zur Versorgungspraxis in der Pandemie: Corona habe gezeigt, dass digitale Prozesse funktionieren und schnell umsetzbar seien. „Sie sollten in Zukunft weiter ausgebaut werden.“ Das gelte zum Beispiel für die digitale Unterschrift oder Einweisungen per Video. Ein Problem: Dafür müssten teilweise das Hilfsmittelverzeichnis bzw. die Richtlinien angepasst werden.
Bitters stellte außerdem die App „Hello Hilfsmittel“ vor. Befragungen und Interviews hätten gezeigt, dass sich Versicherte im Hilfsmittelprozess alleine gelassen fühlten. Zu- und Aufzahlungen seien intransparent, es fehle eine Übersicht über die Leistungserbringer. Die App biete detaillierte Informationen zur Hilfsmittelversorgung, die von den Versicherten oder Beratern der Krankenkassen genutzt werden könnten. Außerdem solle künftig die eVerordnung integriert werden. Perspektivisch wolle die GWQ die Lösung zu einem „Selfservice-Portal für Leistungserbringer“ ausbauen.
Björn Besse, Geschäftsführer der Medi-Center Mittelrhein GmbH in Koblenz, ist überzeugt, dass sich das Verhalten der Konsumenten grundsätzlich ändert – nicht zuletzt durch Corona. Stammkunden des stationären Handels würden erkennen, wie komfortabel der Einkauf online funktioniere. Im Sanitätshaus herrsche dagegen ein Missverhältnis zwischen der Zeit für die Fachberatung und dem administrativen Aufwand.
Der Online-Einlagen-Anbieter Getsteps werbe daher auch ausdrücklich mit dem Argument für sich, dass Kunden keine Zeit hätten, um ins Sanitätshaus zu gehen. „Das finde ich brutal – aber realistisch.“ Er habe übrigens einen Selbstversuch gemacht, Einlagen bestellt, das Etikett abgemacht und die Einlagen einem Orthopädieschuhtechnik-Meister gezeigt. Die Einlagen hätten den Test bestanden …
Besse entwickelte mit seinem Team außerdem ein Konzept für die digital unterstützte Inkontinenzversorgung, das er im Rahmen der Tagung erstmals vorstellte. Die Lösung stelle er den RSR-Partnern zur Verfügung, damit der Sanitätsfachhandel diese Zielgruppe („ein Riesenmarktvolumen “) weiter bedienen könne.
Juliane Pohl, Leiterin des Referats Ambulante Gesundheitsversorgung beim BVMed, setzte sich mit Herausforderungen und möglichen gesundheitspolitischen Ansätzen des kommenden Bundestages auseinander. Dabei liege der künftige Fokus auf einer Konsolidierung des GKV-Haushalts. Es reiche nicht, einfach nur die Ausgabe zu kürzen, stellte Pohl klar. Stichwort: „Wer günstig kauft, kauft doppelt.“ Stattdessen brauche es „strukturelle Veränderungen“ und effizientere Prozesse. Unter anderem müsse das Denken in einzelnen Finanzierungstöpfen überwunden werden. Künftige Themen seien eine weitergehende Ambulantisierung, eine stärkere Vernetzung, Verzahnung und Koordination der Akteure sowie die Digitalisierung.
Diskussion über eRezept und Ausschreibungen
Wenn die Gelder knapp werden, komme aber auch das Thema Ausschreibungen wieder auf die Agenda. Der vdek zum Beispiel setze sich in einem Positionspapier bereits wieder für Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich ein, informierte Juliane Pohl in der Diskussionsrunde. Und so fühlte man sich als Zuhörer leider an vergangene Zeiten erinnert, als die BVMed-Expertin mit Dorothee Bitters das Für und Wider von Ausschreibungen diskutierte.
Besse treibt außerdem die Sorge um, dass Kunden die Hilfsmittelbranche verstärkt als altbacken wahrnehmen werde, weil Sanitätsfachgeschäfte laut Plan erst Jahre nach den Apotheken an das eRezept angeschlossen werden. Juliane Pohl warb daher für Modellvorhaben, um das eRezept in der Hilfsmittelversorgung zu erproben und dabei eventuell auch Standards für die Gematik zu entwickeln.
Den ausführlichen Bericht über die RSR-Tagung lesen Sie in der Juli-Ausgabe von GesundheitsProfi.