Mikrokosmos Gefängnis
Doch das Arbeiten im Gefängnis sei oft auch belastend und frustrierend. Es herrsche ein raues Klima. Verbale und körperliche Übergriffe kommen vor. „Die Häftlinge kommen von heute auf morgen in ein geschlossenes System, in dem sie nicht mehr selbstbestimmt sind. Es gibt deutlich mehr Regeln als in der Außenwelt“, erklärt Björn Jäger. „Emotionen und Reaktionen können schnell überschießen. Dann ist es am besten, zunächst auf Distanz zu gehen und zu deeskalieren. Meistens kommen die Häftlinge wieder auf uns zu und relativieren: ‚Das war nicht so gemeint – ich hatte einen schlechten Tag’, vielleicht weil sich die Freundin getrennt oder es einen ‚Nachschlag‘, eine zusätzliche Haftstrafe, gegeben hat.“ Solche Einsicht ist nicht selbstverständlich, denn es gibt auch Insassen, die Grenzen überschreiten. „Auch ich bin schon körperlich angegriffen worden, aber genau auf solche Situationen werden wir mit Selbstverteidigung und Deeskalationstraining vorbereitet – und es wird uns eingetrichtert, die nötige Distanz zu wahren. Zu keiner Zeit dürfen wir als Justizvollzugsbeamte in ein Abhängigkeitsverhältnis von den Häftlingen oder in einen Konflikt geraten, bei dem wir uns zu etwas gedrängt fühlen, das wir nicht machen möchten oder dürfen.“ Es sei ein schmaler Grat, einerseits Nähe zuzulassen und gut mit den Strafgefangenen umzugehen, andererseits auf Abstand zu gehen. Aus Erfahrung weiß Björn Jäger: „Man darf nie eine persönliche Beziehung aufbauen, sonst verliert man den Blick für Objektivität. Das funktioniert nicht von Anfang an, sondern ist ein langwieriger Prozess.“
An einem konkreten Beispiel wird sichtbar, wie bedeutsam jede noch so belanglose Aktion im Mikrokosmos Gefängnis sein kann: „Meine Kollegen und ich müssen immer alle Türen absperren – mit einem riesigen Schlüsselbund. Am Anfang geht man recht gedankenlos vor, schließt die Türen kräftig und dreht den Schlüssel mit Schmackes um. Für die Insassen ist das jedoch eine Ansage! Sie fragen sich: ‚Will der Neue so seine Macht und Überlegenheit demonstrieren? Oder ist er einfach nur schlecht gelaunt?‘ Man lernt schnell, auf diese kleinen, jedoch bedeutsamen Dinge zu achten und sein Verhalten anzupassen. Weshalb nicht zum Beispiel erst anklopfen, bevor man eine Zelle betritt?“
Für die Arbeit im Gefängnis, so Björn Jäger, braucht es vor allem dreierlei: Erstens einen gefestigten, durchsetzungsstarken Charakter. Man darf sich durch nichts aus der Bahn werfen lassen oder vor Negativentscheidungen Angst haben. Zweitens ein gehöriges Maß an Empathie. Und drittens Teamfähigkeit, um schwierige Situationen zu meistern. „Wenn es hart auf hart kommt, steht das Team hinter einem und schützt einen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist einmalig!“