GP: In welchen Bereichen wollen sie disruptiv sein?
Ledda: Wir müssen Trends antizipieren und mit disruptiven Ideen Lösungen sehen. Man muss ein paar Frösche küssen, bis ein Prinz rauskommt. Daher haben wir einige Optionen bzw. Stoßrichtungen definiert: Wie können wir enger mit Lieferanten zusammenarbeiten? Wie können wir ihnen Informationen geben und sie in Konzepte einbinden, damit sie uns besser unterstützen? Wie können wir Kunden ganzheitlich besser versorgen? Wir denken hierbei in Geschäftsmodellen und weniger an einzelne, isolierte Produkte.
GP: Den Kern schützen und an Rändern disruptiv sein: Wie organisieren Sie das in der Praxis? Menschen, die das Bewährte schützen wollen, sind in der Regel nicht die experimentierfreudigsten…
Reiner: In jeder Organisation gibt es Bewahrer. Das ist nicht negativ, weil sie viele Arbeiten gut machen. Und dann gibt es diejenigen, die den Nordpol erobern wollen. In agilen Projekten bringen wir beide Köpfe zusammen, Bewahrer und Hockkreative. Wir arbeiten dabei mit professionellen Coaches zusammen. Das klappt gut.
Ledda: Hier können wir uns auch mit unseren Erfahrungen aus der Industrie einbringen. Denn hier brauchen wir in Teilen eine neue Kultur. Disruption erfordert Mut, und wir werden auch Fehler machen, aus denen wir lernen. Dazu wollen wir die Mitarbeiter ermuntern.
GP: Jedes Haus könnte den kulturellen Wandel anders anpacken, und was einmal gepasst hat, muss nicht immer passen. Ziehen alle Gesellschaften bei Ihrem Weg mit?
Reiner: Im Dezember hätte ich noch wie Sie argumentiert. Aber die Sorge teile ich heute nicht mehr. Die Bereitschaft zu neuen Wegen in unseren Häusern ist groß.
Ledda: Wir haben auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen und sind extrem demütig und können immer etwas lernen.
GP: Stichwort Fachkräftemangel: Wie sichern Sie künftig ihren Bedarf an Mitarbeitern?
Ledda: Der „War for talents“ ist ein Thema. Aber wir haben einen Trumpf. Als ich mit 28 Jahren meinen Freunden sagte, dass ich etwas mit Rollstühlen mache, konnte das keiner nachvollziehen. Sie gingen zu Marken wie Adidas oder Bosch, das war alles cooler. Aber die heutige Generation und ich selbst fühle mich unglaublich wohl in unserer Branche, weil wir etwas wirklich Sinnstiftendes machen. Wenn wir diesen Vorteil mit einem modernen Unternehmen und einer werteorientierten Kultur kombinieren, dann haben wir große Chancen, gute Fachkräfte und Quereinsteiger anzusprechen.
Reiner: Es gibt einen Verdrängungswettbewerb und es wird nicht einfach. Mit Blick auf Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten haben wir als Auxilium aber vielleicht größere Chancen als ein Einzelunternehmen.
Ledda: Ich bin überzeugt davon, dass wir mit einer Kultur der Wertschätzung und kontinuierlichen Weiterentwicklung in der Welt von morgen die Nase vorn haben werden.
GP: Auxilium will den Markt künftig bundesweit abdecken. Gibt es „einen Wachstumsfahrplan“?
Ledda: Wir können maximal zwei oder drei Akquisitionen durchführen pro Jahr, da wir die Unternehmen integrieren müssen. Wenn wir eine Übernahme pro Jahr machen, sind wir zufrieden, zwei sind auch gut.
GP: Wie sieht der ideale Übernahmekandidat aus?
Charton: Wir interessieren uns nicht für Restrukturierungsfälle, sondern für erfolgreiche Unternehmen mit einer gewissen Größenordnung in ihrer Region unter den Top drei.
Ledda: Wir legen großen Wert auf Nachhaltigkeit, um unsere freundschaftliche Gruppe nicht zu gefährden. Wir prüfen daher nicht nur die Zahlen, sondern suchen Unternehmer, die weiter Unternehmer bleiben wollen. Sie sollen begeistert sein von der Idee einer gewissen finanziellen Unabhängigkeit durch den Verkauf, mit dem sie ihren Betrieb in eine zukunftsfähige Form überführen und selbst Unternehmer-Gesellschafter bleiben, in dem sie sich rückbeteiligen. Diese Idee finde ich so gut, dass ich mich übrigens auch persönlich als Gesellschafter beteiligt habe. Das Schöne ist, dass inzwischen auch Unternehmen auf uns zukommen und fragen, ob wir einmal miteinander sprechen können.
GP: Alle Unternehmen der Auxilium gehören der Rehavital an. Ist das eine Bedingung?
Ledda: Die Auxilium ist Gesellschafter der Rehavital und somit sind alle Auxilium-Unternehmen automatisch Mitglied der Rehavital. Eine mehrfache Mitgliedschaft gibt es nicht.
GP: Führt ihre Struktur zu einer stärkeren Lieferantenkonzentration?
Ledda: Im Einkauf sind wir innerhalb der Rehavital gut aufgestellt. Es wäre einfach, zwei oder drei Einkäufer einzustellen und versuchen, die Marge auszureizen. Aber da glaube ich nicht daran. Die Einkaufspreise sind wichtig, aber wir wollen lieber enger mit den heutigen Lieferanten zusammenarbeiten. Was uns wichtig ist: Gibt es die Bereitschaft, mit uns Wege zu suchen, die Versorgung für den Kunden besser machen? Wie können wir bei der Digitalisierung gemeinsam weiterkommen? Wir wollen uns außerdem verstärkt ökologisch orientieren. Müssen wir alle Standardartikel aus Asien beziehen? Ist es nachhaltig, alle Produkte zehnmal in die Hand zu nehmen und um die Welt zu schicken? Es wird jetzt vielleicht wieder geduldet, weil die Frachtkosten gesunken sind, aber genau das wollen wir in Frage stellen.
Reiner: Wir wollen mit den Lieferanten Prozesse entflechten und optimieren. Eine höhere Integration erleichtert es uns, Handlingsschritte ohne Wertschöpfung für die Kunden zu eliminieren. Wir kennen die Herstellersicht. Das hilft uns dabei, gemeinsam mit den Lieferanten näher an den Kunden zu rücken. Beispielsweise indem wir unsere Daten und Erfahrungen miteinander teilen. Genau das haben wir uns in den vergangenen Jahren oft gewünscht, als wir noch auf der anderen Seite waren.“
GP: Glauben Sie, dass solche Produkte künftig wieder verstärkt in Europa gefertigt werden?
Ledda: Das müssen wir überprüfen. Man sollte sich zumindest Gedanken machen, und wir würden gerne mit Lieferanten darüber sprechen. Es gibt sicher keine einheitliche Lösung. Für die Krankenkassen mag dieser Aspekt heute noch keine Rolle spielen. Es geht aber grundsätzlich nicht nur um „billiger, billiger“, sondern um eine wirtschaftliche und gute Versorgung unserer Kunden – ohne Verschwendung.
GP: Welche Rolle spielt das Thema Zentralisierung für Sie?
Ledda: Sie wissen, was generell im 3D-Druck oder in der Scantechnik heute möglich ist. Da macht es Sinn, gewisse Themen zu zentralisieren. Das heißt aber nicht, dass die Holding die Aufgaben übernimmt. Stattdessen setzen wir auf das Prinzip der Subsidiarität, und die Unternehmen können ihre Kompetenzen bei uns in der Gruppe ausbauen, so wie O.R.T. im Sitzschalenbau. Die Datensätze werden in den Tochterunternehmen vor Ort generiert und dann nach Göttingen übertragen. Dort wird der Rohling gefräst und von den Technikern vor Ort dann wieder an den Kunden angepasst.
GP: Wer also eine Druckerfarm für Einlagen hat, könnte diese Expertise für alle einbringen?
Ledda: Ja, oder auch im Orthesendruck oder die Leistenfertigung. Bei allen diesen Themen geht es darum, das traditionelle Handwerk mitzunehmen und die Arbeit für die Mitarbeiter attraktiv zu gestalten.
GP: Die Struktur der Auxilium scheint auch prädestiniert für eine unternehmensübergreifende Ausbildung?
Ledda: Das ist ein Gedanke, über den wir aktuell diskutieren.
Reiner: Auch innerhalb der Gesellschaften können die Mitarbeiter relativ einfach wechseln, etwa bei einem Umzug.
GP: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kostenträgern?
Ledda: Grundsätzlich haben wir ein gutes Verhältnis. Die große Konsolidierung wird noch weitergehen. Wir als künftig bundesweit tätige Gruppe wollen daher Dienstleistungen entwickeln, die wir heute noch nicht anbieten.
Reiner: Wir arbeiten auf diesem Gebiet außerdem eng mit der Rehavital zusammen. Auxilium selbst verhandelt auch keine Verträge.
GP: Welche Bedeutung hat das Onlinegeschäft in der Sanitätshausbranche?
Ledda: Es funktioniert nicht, überall erhältliche Hilfsmittel online anzubieten. Marktanteile im Online-Business sind nicht nachhaltig. Sobald die Preise erhöht werden, sind die Kunden weg. Wir sehen allerdings Bewegungen, dass sich durch die Digitalisierung Kundenströme verschieben. Daher müssen wir überlegen, wie wir uns als Auxilium sowie die Tochtergesellschaften online positionieren. Wir brauchen dafür ein gutes Konzept und Lösungen, die für die Kunden von morgen attraktiv sind. Dabei wollen wir das Angebot zukünftig digital erlebbar machen und in den Sanitätshäusern für ein zukunftweisendes, moderneres Einkaufserlebnis sorgen.
GP: Auxilium ist bisher nur Branchenkennern ein Begriff. Soll sich das mit einer künftig bundesweiten Abdeckung ändern?
Reiner: Wir wollen mit der Auxilium im Hintergrund bleiben und haben keine Ambitionen, selbst in den Vordergrund zu rücken. Wir haben starke Marken, die ihren Namen viele Jahre regional aufgebaut haben. Das werden wir sicher nicht aufgeben.