Christian Lierse ist besorgt. Der Vertragsexperte des Homecare-Spezialisten Publicare fürchtet, dass bei rein ökonomisch ausgerichteten Geschäftsmodellen die Qualität der Stomaversorgung teilweise auf der Strecke bleibt. Warum, erläutert er im Gespräch mit BVMed-Expertin Juliane Pohl und GP.
GP: Wie würden Sie die aktuelle Versorgungssituation im Homecare- bzw. Stomabereich zusammenfassen?
Christian Lierse: Ich fange mit etwas Positivem an: Für den Stomabereich würde ich meine Hand ins Feuer legen, dass das Entlassmanagement überhaupt kein Problem darstellt. Wenn jemand nicht der Auslöser dafür war, dass sich der Gesetzgeber mit dem Entlassmanagement auseinandergesetzt hat, dann ist das sicher der Stomabereich.
GP: Worauf führen Sie das zurück?
Lierse: In unserem Geschäftsmodell und bei vielen anderen Unternehmen im BVMed steht die Patientenversorgung im Vordergrund und nicht der Produktverkauf. Es handelt sich nicht um einen Patienten mit Stoma, sondern um jemanden, der schwer krank ist. In 70 Prozent der Fälle steht eine Krebserkrankung dahinter. Deshalb hat der Patient ein Stoma. Daher machen sich viele Fachexperten im Team unter Berücksichtigung von medizinischen Leitlinien Gedanken über die Patientenbedürfnisse und darüber, was eine qualitativ hochwertige Versorgung ausmacht. Und Team heißt dabei tatsächlich interdisziplinäres Team: Fachärzte und Experten in Kliniken, unsere Homecare-Fachkräfte, Pflege und niedergelassene Ärzte. Dabei stellen sich viele Fragen, wie zum Beispiel: Worauf kommt es präoperativ an? Geht es allein um das Stoma oder um den Krebs und die neuen Herausforderungen, und das dann auch mit Stoma? Und wer kümmert sich um das Thema Mangelernährung? Vor und nach der OP?
Wir machen daher keinen Vertrieb in den Kliniken, um irgendwann einmal so viele Stomaprodukte wie möglich zu verkaufen. Stattdessen unterstützen wir die Patienten und planen die nächsten Schritte. Wir sensibilisieren ihn vor der Operation für das, was auf sie zukommt. Der Patient fällt bei der Aussicht auf ein Stoma ja in ein psychisches Loch. Hier müssen wir ihn daher begleiten.
Wir diskutieren im BVMed und mit Krankenkassen viel über Missstände. Daher sind wir uns über gut laufende Versorgungen wie im Bereich Stoma häufig nicht bewusst. Aber was passiert, wenn in einem Bereich, der seit 20 Jahren funktioniert, die Erstattung um – ich sage einmal 20 Prozent – gesenkt wird?
Juliane Pohl: Wir betrachten die Stomaversorgung häufig isoliert als Hilfsmittelversorgung. Aber die verschiedenen Leistungen aller Akteure, auch die der Homecare-Unternehmen, haben alle ihren Wert für benachbarte Disziplinen und die Gesamttherapie der Patienten. Wir müssen daher begreifen, dass Versorgungen umfassend gedacht werden und die Leistungen der einzelnen Akteure vernetzt bewertet werden müssen. Nicht umsonst reden wir immer wieder darüber, wie wir Sektoren überwinden und disziplinenübergreifend denken können. Wir brauchen effiziente, starke Versorgungsnetzwerke und müssen ,das Töpfe-Denken‘ überwinden. Es gibt Tendenzen in diese Richtung. Diese müssen wir verstärken.
Wie Christian Lierse und Juliane Pohl unter anderem über die Vergütung von Erst- und Folgeversorgungen denken, erfahren GP-Abonnenten im kompletten Interview in der Januar-Ausgabe von GesundheitsProfi.