Die Hilfsmittelbranche weiß in Bezug auf die Telematikinfrastruktur nicht genau, woran sie ist. Gründe dafür sind unklare Zeitpläne – Stichwort mögliche Verschiebung des Starts der eVerordnung Hilfsmittel – und fehlende technische Spezifikationen. Das brachten die Experten in der Podiumsdiskussion über den Weg der Hilfsmittelbranche in die Telematikinfrastruktur (TI) zum Ausdruck. Gleichzeitig besteht Einigkeit darüber, dass eine frühzeitige Vorbereitung entscheidend ist, um wettbewerbsfähig zu bleiben, sobald die digitalen Prozesse verpflichtend werden. Diskutiert wurde zudem über die Rolle von Diensten wie KIM und der elektronischen Patientenakte sowie die Lehren aus der Anbindung anderer Gesundheitsbereiche wie der Pflege. Gesetzlich müssen sich Hilfsmittelleistungserbringer bis zum 1. Oktober 2027 an die Telematikinfrastruktur anbinden, stellte Dr. Anika Heimann-Steinert von der Gematik klar. „Das andere ist die eVerordnung Hilfsmittel, auf die alle warten.“ Und da werde im nächsten Jahr nichts passieren. „Diesen Zahn kann man ziehen.“ Anika Heimann-Steinert zog eine Parallele zur Pflege. Auch hier fallen Anbindungspflicht an die TI und Start der E-Verordnung für häusliche Krankenpflege auseinander. Leistungserbringern empfahl sie, TI-Anwendungen wie KIM (Kommunikation im Medizinwesen) so bald wie möglich freiwillig zu nutzen, zum Beispiel zur Rezeptanfrage.
In diesem Zusammenhang merkte Michael Martinet (DAK-Gesundheit) an, dass die wenigsten Ärzte mit KIM arbeiteten. Der große Vorteil der TI liege für ihn im E-Rezept-Fachdienst, der alle Parteien sicher verknüpfe und eine transparente Darstellung des Versorgungsprozesses erlaube. „Das bekommen wir mit KIM nicht hin.“ Zu den Zielsetzungen gehöre aber auch der Abschied von möglichst viel Papier, ergänzte Roger Pierenkemper (Maptara). Rezepte etwa ließen sich als Zwischenschritt auch heute schon digitalisieren. Digitale Prozesse im Hintergrund könnten heute schon vorbereitet werden.
Lernen von der Pflege
Von den Erfahrungen in der Pflege könne die Hilfsmittelbranche an sehr vielen Stellen profitieren, ist Anika Heimann-Steinert überzeugt. Als Beispiel nannte sie den Ausgabeprozess der Zugangskarten (SMC-B-Karte) beim elektronischen Gesundheitsberuferegister (eGbR). Dieser sei für die Pflege komplett neu aufgesetzt worden. Neu gegründet worden seien damals auch die TI-Modellregionen, in die Hilfsmittelleistungserbringer leichter integriert werden könnten. „Der Weg ist an vielen Stellen geebnet.“ Gleichwohl müssen noch einige Steine von der Fahrbahn weggeräumt werden. So sind die Hilfsmittelleistungserbringer beim eGBR noch nicht gelistet, so Lara Friedrichs (M Assist). „Wir warten auf die Listung, damit mit den Anträgen gestartet werden kann.“ Warum die Hilfsmittelerbringer im bisherigen Konzept nicht auf die elektronische Patientenakte (ePA) zugreifen sollen, stößt auf breites Unverständnis – auch bei Anika Heimann-Steinert. „Inhaltlich bin ich da bei Ihnen.“ Aber wer auf die ePA zugreifen darf, ist im SGB V festgeschrieben. „Warum die Hilfsmittelleistungserbringer nicht dabei sind, kann ich Ihnen nicht sagen.“ Heimann-Steinert empfahl der Sanitätshausbranche, anhand von Fallbeispielen dem BMG aufzuzeigen, warum zumindest Leserechte für die ePA Sinn machen würden. Auch für die Pflege seien anfangs keine Zugriffsrechte vorgesehen gewesen.
Internationaler Blick
Dr. Larisa Wewetzer zeichnet bei Ottobock verantwortlich für die Umsetzung eines globalen Digital-Health-Portfolios. Sie brachte den internationalen Blick in die Diskussion ein. Effizienzgewinne durch die Digitalisierung sieht sie in den USA oder auch in Frankreich. Dafür müssten die Prozesse durchgängig digital gestaltet werden. In Deutschland werde zu sehr über eine einzelne Applikation gesprochen. Dabei fehle der ganzheitliche Blick. „Wir müssen mehrere Ebenen berücksichtigen.“ Keiner engagiere sich, wenn der Aufwand den Nutzen übersteige. Außerdem dürfe die Effizienz der Unternehmen nicht unterschätzt werden. „Wir lachen über das Fax. Aber der Prozess ist Routine. Und wenn das schneller geht als mit Software …“ Mit der wichtigste Erfolgsfaktor für Digitalisierungsprojekte sei daher Einfachheit. Es dürfe nicht aus Sicherheitsgründen alles verkompliziert werden. „Einfachheit steht im Vordergrund für die Akzeptanz.“