GP: Sie bauen eine eigene Vertragsplattform auf. Warum?
Rogge: Bisher hat jedes Unternehmen Verträge für sich selbst geprüft. Das vereinheitlichen wir jetzt. Wir haben eine Vertragsdatenbank entwickelt, in der aktuell schon über 1.100 Kassenverträge unserer acht Mitgliedsunternehmen erfasst sind. Wenn ein neuer Vertrag hereinkommt, zum Beispiel ein Stoma-Vertrag der AOK Sachsen, prüft ein verantwortliches Unternehmen diesen auf alle Fallstricke und wirtschaftlichen Aspekte. Das Ergebnis ist eine Zusammenfassung für alle Mitglieder, ein One-Pager, der die wesentlichen Eckpunkte aufzeigt. Die Zukunftsmusik ist, dass wir die Verträge systemisch mit den passenden Produkten aus unserem Portfolio verknüpfen. So können wir eine klare Empfehlung aussprechen, welcher Vertrag mit welchen Produkten am besten umzusetzen ist. Das Ziel ist, dass diese Vertragsdatenbank ihre Daten direkt mit den unterschiedlichen ERP-Systemen unserer Mitglieder austauscht.
GP: Wenn wir auf den Hilfsmittelmarkt blicken: Was bereitet Ihnen aktuell Sorgen, wo sehen Sie Chancen?
Rogge: Sorgen ist das falsche Wort, die Branche ist nach wie vor eine tolle Branche! Aber es gibt Herausforderungen. Der Druck der Kassen wird nicht weniger, weder beim Preis noch bei der Verwaltung. Die Konsolidierung nimmt zu, vor allem in den Regionen. Gleichzeitig werden immer mehr Hersteller selbst zu Leistungserbringern. Und wir dürfen nicht unterschätzen, dass auch große Online-Giganten den Einstieg ins deutsche Gesundheitswesen planen könnten.
GP: Welche weiteren Trends beobachten Sie?
Rogge: Wir müssen uns fragen: Wer diagnostiziert und verordnet in Zukunft? Verlagert sich das von Fachärzten zu den Allgemeinmedizinern? Auch die zunehmende Selbstmedikation durch online-informierte Kunden ist ein wichtiger Faktor. Intern sind die größten Themen das Personalmanagement, die Automatisierung von Prozessen und die Bewältigung der Verwaltungsaufwände. Aber genau in dieser Komplexität liegt eine Chance: Wenn man sie gemeinsam managt, wird daraus ein Vorteil. Keiner allein ist schlauer als die Gruppe.
GP: Ein wichtiges Thema ist die Digitalisierung, insbesondere die E-Verordnung. Frau Maisch, Sie haben sich damit intensiv beschäftigt.
Maisch: Ja, und ich finde es extrem ärgerlich, dass der Starttermin wieder einmal verschoben wurde. Es ist ein schlechtes Signal, dass die gesamte Anbindung an die Telematikinfrastruktur verzögert wird. Man hätte zumindest mit der KIM-Anbindung starten können, damit die Betriebe üben und sich fit machen können. Besonders frustrierend ist, dass die Hilfsmittelbranche nicht an alle relevanten Fachanwendungen wie die elektronische Patientenakte (ePA) angeschlossen werden soll. Das führt zwangsläufig zu Medienbrüchen in der Versorgung, die kein Versicherter verstehen wird. Wie soll eine Ambulantisierung funktionieren, wenn man uns bei der Digitalisierung nicht richtig einbindet?
GP: Wie realistisch ist die Chance auf einen bundesweit einheitlichen Rahmenvertrag, den viele in der Branche fordern?
Maisch: Ich würde es mir sehr wünschen. Es ist für mich unverständlich, warum für dasselbe Produkt in Verträgen unterschiedliche Lieferzeiten oder Abrechnungsmodalitäten geregelt sind. Ein Positionspapier zur Entbürokratisierung aus dem Jahr 2023 hat das Thema bereits aufgegriffen. Ich hoffe sehr, dass die jetzige Regierung diesen Faden wieder aufnimmt. Es würde uns allen enorm helfen, und ich werde weiter dafür kämpfen.