GP: Was können Sanitätshäuser Ihrer Meinung nach machen, um das hochwertige Sortiment in den Blickpunkt der Kunden zu rücken?
Boris Zellner: Ein gutes Beispiel sind Autohäuser: die stellen ja auch ihre hochwertigeren Autos mit ansprechender Sonderausstattung in den Fokus und nicht den Kleinwagen. Wir haben tatsächlich mal bei einer Reihe von kleinen Händlern den Test gemacht. Sie haben eine Woche lang nur die Premiumrollatoren in den Verkaufsraum gestellt, und wir haben zugesagt, etwaige Verluste zu übernehmen. Nur: Es gab keine Verluste. Die Kundinnen und Kunden haben sich beinahe ausschließlich für ein Premiummodell entschieden. Heißt das, dass es keine Standardrollatoren mehr benötigt? Nein, es wird weiterhin eher zum Kassenmodell gegriffen werden, und das ist auch okay. Aber man muss den Menschen doch zeigen, was sie sonst noch haben könnten. Wenn man das nicht tut, kann man es auch nicht verkaufen. Zu viele Modelle zu zeigen, wird den Kunden jedoch überfordern. Es gilt also, die Waage zu halten und sein Kundenumfeld abzuschätzen.
GP: Es muss also mehr auf die Bedürfnisse der Kunden eingegangen werden?
Boris Zellner: Absolut! Wenn der Kunde ins Geschäft kommt, gehen wir immer davon aus, dass er weiß, was ein Rollator ist. Aber damit irren wir! Der Kunde weiß das nicht und er hat auch kein Gespür dafür, auf was er achten muss. Da beginnt dann unsere Arbeit. Wie öffnet sich die Wohnungstür? Gibt es Schwellen, die überwunden werden müssen? Wie schaut das Badezimmer aus? Hat der Kunde vielleicht einen Hund und benötigt einen Rollator für Spaziergänge? Im Gespräch ergeben sich häufig noch Folgeversorgungen, die das Leben des Kunden besser machen. Wir sind viel zu oft Verteiler und nicht Verkäufer im Sanitätshaus.
GP: Sieht der Sanitätsfachhandel denn diese Chancen?
Boris Zellner: Ja, einige sehen diese Chance, aber bei weitem nicht alle. Es ist so, dass die Zustellung eines Standardrollators oder -rollstuhls inzwischen kein Geschäft mehr ist. Aber wenn man das Zusatzgeschäft dazu nimmt, dann schaut es häufig schon anders aus. Dafür braucht es aber Mitarbeitende, die mit offenen Augen durch die Wohnung des Kunden gehen, um zum Beispiel Schwellenausgleicher zu verkaufen oder zu erkennen, wo es vielleicht Probleme mit einer Treppe geben könnte. Da kann dem Kunden dann der Topro Step gezeigt werden, damit er weiterhin selbstständig und sicher die Stockwerke in seinem Haus überwinden kann. Mit einem sogenannten Allrounder, der sich fächerübergreifend mit Reha, Homecare usw. auskennt, kann eine gute Wohnumfeldberatung an den Mann oder die Frau gebracht werden. Bauliche Maßnahmen gehören auch dazu. Das ist häufig eine der ersten Maßnahmen, die unsere Kunden machen, weil sie sich eingestehen müssen, dass sie es nicht mehr über den Badewannenrand schaffen. Eine Partnerschaft mit einem Installateur kann für beide Seiten Sinn machen. Die Branche müsste insgesamt mutiger agieren, statt einfach zu reagieren. Sanitätshäuser sind eine zentraleuropäische Erfindung, im Ausland laufen die Geschäfte häufig über Drogeriemärkte oder Apotheken. Hier muss die Kompetenz hochgehalten werden. Das zeichnet ein Sanitätshaus am Ende doch aus.