Am Anfang stand ein Eingeständnis. „Seit 30 Jahren will die Homecare-Branche Einzug finden im SGB V – sie hat es nicht geschafft“, sagte Norbert Bertram. Seit 2018 setzt er sich als Geschäftsführer des Verband Versorgungsqualität Homecare (VVHC) für die Interessen der Homecare-Unternehmen ein.
Bertram beschrieb ein grundsätzliches Problem der Homecare-Branche. „Die hochwertige Dienstleistung ist nie so richtig kommuniziert worden. Der Begriff Homecare ist zu dünn. Diesen versteht auch keiner.“ Die herkömmliche Definition von Homecare als Abgabe von erklärungsbedürftigen Produkten auf Basis einer vorliegenden ärztlichen Verordnung mit dazugehöriger Dienstleistung greife zu kurz. Sie berücksichtige nicht, dass Homecare-Experten bereits vor der Verordnung in den Behandlungsprozess von Klinik, Arzt und Pflege eingebunden würden – etwa im Rahmen der Therapieassistenz. Hier werde für den behandelnden Arzt ein patientenindividueller Therapieplan erstellt, auf dessen Basis die Verordnung erfolge. Gleichzeitig weisen Homecare-Fachkräfte unter dem Stichwort „Enabling durch Supervision“ Laien, ambulante und stationäre Pflege in die spezialisierte Behandlungspflege ein und koordinieren diese mit dem Arzt.
Homecare-Therapiemanagement
Während der Corona-Phase habe die Branche über Argumente verfügt, um höhere Preise und schlankere Prozesse durchzusetzen. Aktuell sei die Abwehrhaltung der Kasse aber „so stark wie nie“, so Bertram. Unter dem Schlagwort Homecare-Therapiemanagement will der VVHC daher die medizinische Leistungskomponente stärker zum Ausdruck bringen. Der Fokus liege auf der effektiven Kombination spezialisierter Dienstleistungen und komplexer Produktbehandlungen im außerklinischen Bereich.
Das Homecare-Therapiemanagement umfasse entlang der Patienten-Journey verschiedene Aufgaben: Es reiche vom Entlassmanagement und der Anamnese nach Krankenhausaufenthalten über die Therapieplanung mit dem Arzt, der Abrechnung mit Kostenträgern, der Einweisung in die Therapie bis zur Kontrolle und Nachschulung – eben ein komplettes Case Management. „Dieser Kreislauf muss politisch penetriert werden“, so Bertram.
Der VVHC spricht sich grundsätzlich für eine weitere Emanzipation in der Branche aus. Dabei vertritt er folgende These: Ohne eine gesetzliche Verankerung des Homecare-Therapiemanagements und eine effektivere sowie effizientere Nutzung der Ressourcen von Fachkräften wird die Versorgung chronisch und schwer erkrankter Patientinnen und Patienten in Zukunft nicht mehr flächendeckend sichergestellt werden können.
Um erfolgreich aufzutreten, brauche die Branche einheitliche Versorgungsstandards. Daher gebe es die Idee, in einer Akademie Homecare-Fachkräfte auszubilden. Abschließend warb Norbert Bertram für den Schulterschluss in der Branche: Leistungserbringer und Versorger müssen sich weiter solidarisieren und einheitlich auftreten.