Über 1.500 Teilnehmende tauschten sich auf dem Focus CP Rehakind-Kongress (4. bis 6. Februar) in Dortmund aus. Ein Thema: Wie lassen sich Versorgung, Lehre und Forschung bei Kindern und Jugendlichen mit komplexen Bewegungserkrankungen interprofessionell organisieren?
Orthopädietechnik, Physiotherapie und Medizin im Austausch gemeinsam auf dem Podium: Die Session auf dem Focus CP Rehakind-Kongress bot besten Anschauungsunterricht für die Versorgung im Praxisalltag. Prof. Walter Michael Strobl aus Wien zeigte den Bedarf für interprofessionelle Weiterbildungsstudien auf. Seit Jahrzehnten bereits gebe es spezialisierte Teams zur Diagnostik und Behandlung von Kindern und Erwachsenen mit Störungen des Bewegungssystems. Allerdings gebe es keine umfassende strukturierte Ausbildung. Dem raschen Wissenszuwachs stünden in der Praxis daher veraltete Techniken und Methoden gegenüber.
Die Universität für Weiterbildung im österreichischen Krems bietet daher ab 2027 unter anderem zwei Master-Programme in den Bereichen Neuroorthopädie und Bewegungsentwicklung an. Spezialisierte Fachärzte, Therapeuten und Orthopädietechniker sollen dort „eine gemeinsame Sprache“ lernen.
Die bisherigen Lehrgänge zur Bewegungsentwicklung bestätigen den interprofessionellen Ansatz. Von den ersten 49 Teilnehmenden kamen rund zwei Drittel aus der Physiotherapie, die weiteren aus Ergotherapie, Medizin sowie der Orthopädietechnik.
Dr. med. Michèle Widmer vom Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) kritisierte die fragmentierte Versorgung, lange Wege, unklare Verantwortlichkeiten und zu seltene gemeinsame Verlaufsbeurteilungen im Alltag. Die Entwicklung müsse „vom Einzelbefund zum Versorgungspfad“ gehen. Dafür brauche es gemeinsame Entscheidungsalgorithmen sowie die Verständigung auf funktionelle Outcomes.
Telemedizin nutzen
Um dieses Ziel zu erreichen, setzt Michèle Widmer vor allem auch auf Telemedizin als interprofessionelles Tool. Eine Studie mit Betroffenen sowie Gesundheitsfachpersonen zeige deren Potenzial auf. Telemedizin auf einem niederschwelligen Niveau biete eine gemeinsame Sicht auf die Patienten.
Ohne Therapie drohe das technisch perfekte Hilfsmittel umgenutzt zu bleiben, hob Ute Stuhlfelder aus München hervor. Sie betonte die Rolle der Physiotherapie als „Navigatorin“ im Versorgungsprozess sowie Übersetzerin zwischen Medizin und Orthopädietechnik. Die Therapie sichere die Integration des Hilfsmittels in den Patientenalltag. Zunehmend müsse sie sich auch mit Zukunftstechnologien auseinandersetzen. Dazu gehörten Robotik, Exoskelette, sensorbasierte Orthetik und Tele-Reha. Als gemeinsame Werkzeuge für die sichere Zuweisung in spezialisierte Versorgungsstrukturen empfiehlt Ute Stuhlfelder die Ampelsysteme und die Hilfsmittelmatrix.
Orthopädietechnikerin Anna Biedermann (MSc) vom Neuro- & Kinderorthopädietechnikzentrum (Neurokiz) in Salzburg brachte die Sicht des Handwerks ein. Sie stellte klar, dass die Orthopädietechnik die ärztliche Verordnung auf die Erfordernisse der Anwender anpasse. „Das Hilfsmittel muss nicht perfekt aussehen. Es muss im Alltag funktionieren.“
„Jeder verfolgt einen
anderen Zugang“
In der Diskussion kritisierten die Teilnehmenden das Silodenken in den einzelnen Professionen. Der Wandel in den Köpfen müsse frühzeitig gelernt werden. „In der therapeutischen Grundausbildung wird nicht vernetzt gedacht“, sagte Ute Stuhlfelder. „Wir müssen die Fachdisziplinen früher zusammenbringen und eine gemeinsame Sprache sprechen, damit sich erst gar keine hierarchische Medizin entwickelt.“
Prof. Walter Michael Strobl stellte außerdem fest: „Jedes SPZ verfolgt einen anderen Zugang bzw. Ansatz. Und natürlich versorgen wir erfahrungsbezogen und individuell.“ Dagegen sei nichts einzuwenden. „Unterschiedliche Meinungen sind in Ordnung. Aber wir müssen dennoch die evidenzbasierte Medizin stärken. Wie brauchen Standards für Hilfsmittel oder zu welchem Zeitpunkt eine OP indiziert ist.“