Mehr als 120 Referentinnen und Referenten gaben im Colosseum in Essen auf mehreren Bühnen Einblicke in das Gesundheitswesen von morgen. Im Fokus standen die Themenbereiche Digitalisierung, Versorgung, Nachhaltigkeit und Krebs.
GP fasst Aussagen und Erkenntnisse komprimiert in zehn Fragen und Antworten zusammen – angesichts der Themenfülle ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Wie lässt sich die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben?
„Wir denken zu viel in unserer Sprache. Stattdessen müssen wir immer mit dem echten Nutzen für die Patienten argumentieren. Wir müssen mehr Stories erzählen.“ Dr. Markus Schlobohm, IT-Geschäftsbereichsleiter bei der Techniker Krankenkasse
Welche Rolle spielen die Gesundheitsfachberufe bei der Digitalisierung?
„Die Gesundheitsfachberufe haben engen Kontakt zu ihren Patienten und genießen deren Vertrauen. Sie erheben viele individuelle Kundendaten und sind daher ein wichtiger Vermittler zwischen Gesundheitswesen und Patienten.“ Dr. Jan Helmig, Chief Digital Officer der Opta Data Gruppe
Leere Betten vs. Algorithmen – was soll die Politik finanzieren?
„Vorhaltepauschalen machen vielleicht Sinn. Aber die Politik sollte nicht nur leere Betten finanzieren, sondern auch Algorithmen. Wir müssen die Chancen von Daten erkennen. Der Patient sollte an erster Stelle stehen und nicht die Gefahr des Datenmissbrauchs. Die Erfassung von Vitaldaten lässt das Risiko einer Sepsis zehn Stunden früher abschätzen.“ Dr. Gottfried Ludewig, Senior Vice President T-Systems Health Industry
Was wird in der Therapie von Krebserkrankten häufig vergessen?
„Der Kontrollverlust ist ein Thema, das wir nicht immer in den Vordergrund stellen. Die Patienten müssen wissen, wo trotz Erkrankungen die Bereiche liegen, die ihnen Persönlichkeit und Individuum wichtig sind. Als Mediziner müssen wir mit den Patienten arbeiten. Mündige Patienten brauchen Kraft. Therapeuten, Diätassistenten, Sozialarbeiter – alle im Behandlungsteam sind wichtig für die empathische Unterstützung. Spitzenmedizin hat nur einen Effekt, wenn das nicht vergessen wird. Für die Betroffenen gilt: so offen wie möglich über die Erkrankung reden. Ich verstehe die Zögerlichkeit. Aber offen sein ist Empowerment.“ Prof. Dr. Wolfram Gössling, Onkologe am Harvard-MIT
Wie blickt die Gematik auf den Heil- und Hilfsmittelmarkt?
„Wir sehen im Heil- und Hilfsmittelbereich gute Abläufe von Softwarehaus-Lösungen. Da macht es keinen Sinn, alles noch einmal zu erfinden. Die Gematik sollte innehalten. Die Gematik hat sich geöffnet und lernt dazu.“ Gematik-Geschäftsführer Dr. Markus Leyck Dieken
Was wollen die Bürger?
„Die ersten Trends unserer Gesundheitsdaten-Studie mit rund 1.000 Teilnehmenden zeigen: 85 bis 90 Prozent wollen ,eIrgendwas‘. Also die elektronische Patientenakte oder den eImpfausweis. Das ist die Grundmessage.“ Prof. Dr. David Matusiewicz (FOM Hochschule)
Wie sieht das Krankenhaus der Zukunft aus?
„Wir haben ein Ziel: Bis Ende 2026 wollen wir keine relevante medizinische Entscheidung ohne digitale Unterstützung treffen.“ Robert Möller, CEO Helios Kliniken
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz künftig im Krankenhaus?
„Wir brauchen KI, da wir zu wenig Personal haben. Wenn wird nichts tun, besteht die Gefahr der Rationierung. Außerdem wäre es gut, wenn die Patienten durch KI künftig auf Augenhöhe gebracht werden könnten.“ Prof. Dr. Boris Augurzky, Leiter Kompetenzbereich Gesundheit beim RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Wie sieht die Zukunft der hausärztlichen Versorgung aus?
„Die Zeit der Tante Emma-Praxen geht zu Ende. In Systempraxen lässt sich die Digitalisierung skalieren.“ Dr. med. Bahman Afzali, Hausarzt und Co-Founder Docport
Solidarprinzip und Datennutzung – ist da ein Zusammenhang?
„Das Solidarprinzip heißt heute auch: Ja, wir zahlen. Aber wenn du das teure Medikament bekommst, dann musst du uns auch sagen, wie es dir damit geht und uns deine Daten geben.“ Gematik-Geschäftsführer Dr. Markus Leyck Dieken