Ob elektronische Patientenakte oder Apps von Industrieunternehmen oder Kostenträgern: In der Theorie machen viele digitale Lösungen alle Beteiligten Sinn. Aber die Nutzung lässt häufig doch zu wünschen übrig.
Bereits vor der Entwicklung einer digitalen Lösung müsse verstärkt die Nutzerperspektive eingenommen, appellierte daher Dr. Frederike Escher-Brecht in einer Paneldiskussion. Sie arbeitet in der digitalen Produktentwicklung bei der Barmer und ist Vorstandsmitglied der Digitalinitiative D21. Die elektronische Patientenakte etwa könne für 20-Jährige einen anderen Nutzen bieten als für ältere chronisch erkrankte Menschen. Während 20-jährige ihre selbstgetrackten Vitalparameter verwalten könnten, stehe bei Chronikern vielleicht der Medikamentenplan im Vordergrund. Entsprechend der Interessen müsse die digitale Lösung aufbereitet werden. Ein Problem: Viele Lösungen würden „extern entwickelt ohne Brücke zu unserer Organisation“. Ziel für Escher-Brecht sei daher, das digitale Know-how in die Sozialverwaltung zu integrieren.
Digitale Lösungen können die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten verbessern. „Wir können Patienten zielgerichtet empowern“, ist Dr. med. Anke Diehl (Universitätsmedizin Essen) überzeugt. Im Vorfeld einer Behandlung bereits ließen sich relevante Informationen vermitteln, etwa zur Bedeutung von Laborwerten und welchen Einfluss jeder selbst darauf habe – oder eben auch nicht. So lasse sich die Eigenverantwortung stärken. Nicht nur die Mediziner müssten ihre Rolle weiterentwickeln. „Auch die Anforderungen an die Patienten ändern sich“, so Diehl. Die Entwicklung gehe in Richtung Prävention und Selbststeuerung, bestätigt Marek Rydzewski (Barmer).
Prof. Dr. Oliver Heinze (Hochschule RheinMain) wünscht sich daher auch, dass das Thema digitale Gesundheit Eingang in alle Curricula an der Hochschule findet. „Wir vermitteln zu wenig IT und Digitalisierung in der Medizinerausbildung.“
Damit sich digitale Lösungen durchsetzen, müssten alle Beteiligten außerdem an ihrer Einstellung arbeiten. „Wir versuchen unsere Positionen zu verteildigen“, bedauert Marek Rydzewski. „Niemand will etwas aufgeben. Wir haben Scheuklappen und bekommen jetzt den Spiegel vorgehalten.“ Frederike Escher-Brecht ergänzte. „Wir denken oft in Zukunftslösungen. Das macht Spaß. Aber wir müssen auch die Basisarbeit vorantreiben.“